Heinz Rudolf Kunze während der Fred-Jay-Preisverleihung

2000

Laudatio auf Heinz Rudolf Kunze

Sehr geehrte Frau Jacobson, werte Jury, meine sehr verehrten Damen und Herren,

einige von Ihnen werden mich kennen, andere nicht. Daher kurz ein Wort zu meiner Person. Ich heiße Michael Weilacher und bin Chefredakteur von Musikexpress/Sounds. Das bin ich sehr gerne, weil ich nämlich lieber schreibe als rede. Aber heute rede ich gern, weil es ja eine Lobesrede werden soll. Eine Lobesrede auf einen, wie ich meine, in jeder Hinsicht außergewöhnlichen Künstler.

Ein Punkt ist eine Linie von vorn gesehen
Sie rast auf dich zu wie eine Lokomotive
Du liegst gefesselt auf den Schienen der Wahrnehmung

Wer solches denkt und dann auch noch zu Papier bringen kann, der muß einfach gelobt, der muß einfach ausgezeichnet werden. Und er wurde es ja auch, oft sogar.

Die erste Würdigung erhielt der Literat Heinz Rudolf Kunze im Jahr 1978. Damals war es der Förderpreis seiner Heimatstadt Osnabrück.

Heute abend nun, am 23. März 2000, wird HRK mit dem Fred Jay Preis ausgezeichnet.

Dazwischen liegen nicht nur 22 Jahre, sondern auch viele weitere Preise und Auszeichnungen:

Goldene Schallplatten und Goldene Stimmgabeln, der Deutsche Schallplattenpreis.

Doch immer schön der Reihe nach. Die Karriere des Heinz Rudolf Kunze als Musiker beginnt 1980 mit einem Erfolg beim deutschen Pop-Nachwuchs-Festival in Würzburg. 1981 folgt das Debüt-Album: Reine Nervensache. In der Folgezeit scheinen Heinz Rudolf Kunze die Songs nur so aus der Feder zu fließen. Zudem tritt er 1983 als Essayist in Erscheinung. Für den den Spiegel verfaßt Heinz Rudolf Kunze einen Beitrag über den amerikanischen Songwriter Randy Newman. Im Oktober 1984 erscheint Kunzes Ausnahmezustand, gefolgt von einer erfolgreichen Tournee. 1985 dann der Geniestreich Dein ist mein ganzes Herz, der kurz nach Erscheinen Goldstatus erlangt.

1987 gibt Heinz Rudolf Kunze 70 Konzerte. Allein zu den drei DDR-Auftritten kommen jeweils 40.000 Zuhörer. Im selben Jahr erhält Kunze den Auftrag, das deutsche Libretto für das Musical Les Misérables nach Victor Hugo zu schreiben.

1988 dann mehrere Essays für den Buchmarkt und das Radio – über Musiker wie XTC, Wire und David Bowie.

In der Folgezeit schreibt Heinz Rudolf Kunze nicht nur für sich selbst, sondern auch für Milva und Herman van Veen. Außerdem reist er in den letzten Tagen dieses Staates nochmals in die DDR – zu vier Konzerten strömen 200.000 Menschen. Sie kommen, weil da einer auf der Bühne steht, der nicht nur für Gute Unterhaltung sorgt, sondern darüber hinaus und vielleicht sogar in erster Linie etwas zu sagen hat. Eine seltene Qualität im oft oberflächlichen Showbusiness.

Heinz Rudolf Kunze fühlt sich dem Wort in all seinen Ausprägungen verbunden.

1992 tritt er als Interviewer in Erscheinung und führt ein Gespräch mit einem seiner großen Vorbilder: dem amerikanischen Musiker Neil Young.

1993 schreibt HRK zwei Songs für Mario Adorf und übersetzt das deutsche Album des britischen Ausnahme-Songwriters Peter Hammill (wer sich noch an die Zeit des sogenannten Art-Rock erinnern kann: Hammill war Kopf und Gründer der legendären Band Van der Graaf Generator)

1994: Für das Musical Miss Saigon (die Thematik von "Madama Butterfly" übertragen auf die Situation des Vietnam-Kriegs) schreibt Heinz Rudolf Kunze den deutschen Text und erhält auch dafür eine Auszeichnung in Gold.

Obwohl HRK längst größte Hallen füllt, pflegt er auch das kabarettistische Element. Kleinkunst ist dem großen Künstler Kunze wichtig. Der Golem aus Lemgo braucht den direkten Kontakt zu seinem Publikum – genauso wie die Abgeschiedenheit der Schreibstube: Im Herbst 1995 erscheint zur Frankfurter Buchmesse der Kunze-Band Nicht daß ich wüßte.

Im darauffolgenden Jahr dann das Album Richter-Skala, mit so ziemlich allem, was Pop und Rock zu bieten haben – von der dröhnenden Funkmetal-Nummer bis zur filigranen Klavierballade.

Wir schreiben das Jahr 1997: Das Album alter ego erscheint und im selben Jahr auch Kunzes fünftes Buch: Heimatfront. HRK nimmt seine erste intensive Leserreise mit ca. 50 Auftrittsorten in Angriff mit – wie er später sagt – "nichts als einem Buch zwischen mir und dem Publikum".

Ein Jahr später (1998) folgt Heinz Rudolf Kunze einer Einladung des Goethe-Instituts nach Boston, wo er mit seinem langjährigen musikalischen Weggefährten Heiner Lürig einen Unplugged-Auftritt hinlegt, der die amerikanische Zuhörerschaft in Begeisterung versetzt. Noch im selben Jahr erhält er den "Image", den Preis der deutschen Musical-Industrie für seine Übersetzung des Andrew-Lloyd-Webber-Stücks Joseph.

Und auch das vergangene Jahr hat den Workaholic Heinz Rudolf Kunze nicht ruhen lassen. Es beginnt mit der Premiere des von ihm übersetzten Jonathan-Larson-Musicals Rent. Es folgt das Album Korrekt, das – wie im übrigen alle anderen Kunze-Platten auch – aus dem Stand heraus höchste, zumindest aber bemerkenswerte Chart-Notierungen zu verzeichnen hat. Ebenfalls im Jahr 1999 erscheint ein Bildband über Heinz Rudolf Kunze, dessen Titel – betrachtet man das bisherige Gesamtwerk dieses im besten Wortsinne kreativen Unruhestifters – gar nicht treffender hätte gewählt werden können: agent provocateur. Ja und dann, ja dann, meine sehr verehrten Damen und Herren, erscheint auch noch das erste "richtige" Greatest-Hits-Album von Heinz Rudolf Kunze. Und auch hier wurde der Titel mit Bedacht gewählt: Nonstop – das bisher Beste von Heinz Rudolf Kunze, mit Betonung auf bisher. Denn das wirklich Beste, da bin ich mir ganz sicher, werden wir erst noch zu hören bekommen von diesem Ausnahmekünstler deutscher Zunge.

Apropos deutsche Zunge: Was mußte Heinz Rudolf Kunze nicht alles an Schmähungen über sich ergehen lassen, als er öffentlich dafür eintrat, das im Radio mehr Musik aus Deutschland, wohlgemerkt, Musik aus Deutschland, nicht etwa deutsche Musik, gespielt wird. Kunze als deutschtümelnder Quotenkämpfer? Absurd! Ich glaube den persönlichen Musikgeschmack von HRK einschätzen zu können. Der Mann liebt The Who und die Kitchens of Distinction, Led Zeppelin und MC 900 Feet Jesus. Er stellt sich demonstrativ vor das Werk von Jethro Tull und möchte – O-Ton-Kunze, "gewährleistet wissen, daß die Rock-Vergangenheit ihren Stellenwert behält". In der Zwischenzeit hat Musik aus Deutschland in den Charts, aber auch im Radio, einen neuen Höchststand erreicht. Eine Tatsache, die dem heute abend Geehrten durchaus eine späte Genugtuung sein darf.

Fazit: Heinz Rudolf Kunze ist nicht nur Text-Dichter, er ist Essayist, Librettist, Journalist, Literat und darüber hinaus auch noch ein streitbarer Geist, wenn es darum geht, der zeitgenössischen Musik aus dem eigenen Land zu ihrem Stellenwert zu verhelfen.

Sehr geehrte Frau Jacobson, liebe Jury, einen würdigeren Fred-Jay-Preisträger hätte man nicht auswählen können.

Ich hätte Doktor werden können
der Jurisprudenz
oder Kanzlers Redenschreiber
und graue Eminenz
ich hätte Priester werden können
Wirtschaftskapitän
und was ist aus mir geworden
just a music man

schreibt Heinz Rudolf Kunze in Schade Drum. Schade drum? Nein, lieber Heinz, gut so! Und vielen Dank.

Michael Weilacher, München, März 2000

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