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1996

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Mein Plattenschrank

Mehr deutsches Liedgut ins Radio! Mit dieser Forderung machte jetzt einer auf sich aufmerksam, dem die Musik ansonsten gar nicht anglo-amerikanisch genug sein kann. Nicht nur Richter-Skala, das aktuelle Album von Heinz Rudolf Kunze, zeugt von des Denkers Drang zu internationalen Klängen. Auch ein Blick in HRKs persönlichen Plattenschrank beweist: der Altphilologe Kunze ist hemmungslos anglophil.

The Who
Who's Next (1971)

Cover von "Who's Next"Eigentlich mag ich ja keine Wertungen in dieser Liste machen, aber bei "Who's Next" mache ich definitiv eine Ausnahme, denn das ist für mich mit Abstand die beste Rock-Platte aller Zeiten. Hier stimmt einfach jedes Lied, da ist kein Aussetzer drauf. Und wenn diese Scheibe dann mit "Won't Get Fooled Again" orgiastisch ausklingt, fühle ich mich jedes Mal aufs neue erschlagen und erlöst zugleich. Ach ja, auch produktionstechnisch ist dieses Werk eine Meisterleistung, es wurde ja immerhin schon 1971 aufgenommen – 25 Jahre auf dem Rücken und immer noch keine Patina angesetzt.

Jimi Hendrix
Electric Ladyland (1969)

"Electric Ladyland" ist für mich, auch nach all der Zeit, das ultimative musikalische Statement auf der elektrischen Gitarre. Cover von "Electric Ladyland"Jimi Hendrix hat einfach den Bogen raus und weiß wie kein anderer mit diesem Instrument umzugehen – und "Electric Ladyland" ist das absolute Meisterstück in Jimis zwar kurzer, aber heftiger Karriere. Auch unter dem Aspekt des Songwritertums hat der Maestro hier große Klasse bewiesen, während andere Aufnahmen von ihm ja eher unter dem Aspekt der Improvisation brillieren. Zu guter Letzt beinhaltet diese Platte auch die für mich beste Coverversion aller Zeiten: Bob Dylans 'All Along The Watchtower' hat auch sein Komponist niemals besser interpretiert.

Robert Wyatt
Rock Bottom (1975)

Dieses Album ist so etwas wie eine "Perle der Tristesse", denn Robert Wyatt – der ehemalige Soft Machine-Mitstreiter – nahm sie unmittelbar nach seinem Fenstersturz Anfang der 70er Jahre auf, der seine Querschnittslähmung zur Folge hatte. Seitdem sitzt er im Rollstuhl. Dieser Unfall hatte selbstredend Einfluß auf 'Rock Bottom', auch wenn das Album beim ersten Hören nicht unbedingt resigniert oder gar depressiv klingt. Cover von "Rock Buttom"Doch unterschwellig wird einem immer wieder des beklemmende Trauma dieser Tragödie bewußt gemacht, allerdings ohne den Hörer dabei runterzuziehen. 'Rock Bottom' ist also die akustische Reaktion auf einen Schicksalsschlag und zur gleichen Zeit die Arbeit eines vom Schicksal gezeichneten Mannes, der sich nicht unterkriegen läßt.

Captain Beefheart & His Magic Band
Trout Mask Replica (1969)

Captain Beefheart war für mich schon immer die perfekte Verkörperung eines Künstlers zwischen Genie und Wahnsinn. Besser als auf diesem Doppelalbum aus dem Jahr 1969 hat er das später nie mehr dokumentiert. Cover von "Trout Mask Replica"Und trotz des fortgeschrittenen Alters ist 'Trout Mask Replica' für mich nach wie vor der Inbegriff für eine exzellente Mischung aus Avantgarde, Jazz, Blues und Rock'n'Roll, wobei die Platte in ihrer extremen Art für mich bislang unübertroffen bleibt. Also ehrlich, so was würde ich niemals hinbringen. Auch wenn ich es mir manchmal wünschen würde. Ich denke, um so eine Scheibe einzuspielen, bedarf es schon einer gehörigen Menge Mut.

Henry Cow
Unrest (1973)

Kennt diese Band beziehungsweise diese Platte noch jemand? Natürlich nicht! Und das ist schade, denn Henry Cow waren in den siebziger Jahren die Formation rund um den Meister-Avantgardisten Fred Frith. Tatsächlich sind Henry Cow eine der am meisten unterbewertesten Gruppen aller Zeiten – und 'Unrest' als Beispiel für ihre Genialität habe ich nicht bewußt, sondern nach dem Zufallsprinzip ausgewählt. Weil alle Alben dieser schrägen Truppe großartig sind, sie hat nie einen Aussetzer produziert. Cover von "Unrest"Henry Cow stilistisch einzuordnen, fällt bei ihrem Abwechslungsreichtum schwer. Aber wenn es denn sein muß, würde ich sie als die englische Antwort auf Frank Zappa & The Mothers Of Invention einordnen. Mindestens!

King Crimson
Lark's Tongues In Aspic (1973)

Ganz ehrlich – dicht gefolgt von The Who, sind King Crimson meine definitive Lieblingsband. Das liegt daran, daß es eine der wenigen Gruppen ist, die im Laufe ihrer Karriere nicht eine einzige schlechte Platte aufgenommen haben. So etwas fordert einfach meine uneingeschränkte Bewunderung heraus. Wirklich King Crimson können einfach alles, sie vergreifen sich nie im musikalischen Ausdruck und sind von einer seltenen Stilsicherheit.Cover von "Lark "Lark's Tongues in Aspic" ist wie alle King Crimson-Alben eine fantastische Angelegenheit, auch wenn es nur gerade heute meine Lieblingsplatte von ihnen ist. Morgen ist garantiert wieder eine andere an der Reihe. Das ist bei mir im Falle dieser Gruppe eher stimmungsabhängig. Zu empfehlen sind alle ihre Aufnahmen, und zwar uneingeschränkt.

Heinz Rudolf Kunze in seiner Plattensammlung

Wire
Pink Flag (1977)

Wire wurde zwar groß und bedeutend, als Punk groß und bedeutend war, nämlich Ende der siebziger Jahre, und deshalb hat man diese Band gerne in den Ur-Punk-Kontext gestellt – aber eigentlich ist keine ihrer wenigen Alben tatsächlich Punk. Eher schon reflexiver Punk, wenn man unbedingt eine Kategorie dafür finden will. Denn die Jungs aus England waren stets einen Schritt weiter als ihre Konkurrenz, sie hatten Punk-RockCover von "Pink Flag" bereits geschluckt und weiterverarbeitet, als es noch eine ganz große Sache war. Vielleicht liegt es daran, daß ich mit Wire stets mehr anfangen konnte als etwa mit The Damned oder The Clash. Einfach, weil sie die intellektuellere Ausgabe all dieser "No Future"-Formationen waren. Und trotzdem – 'Pink Flag' war die Scheibe, mit der ich Punk endgültig begriffen hatte. Dafür liebe ich sie noch heute.

Lou Reed
New York (1989)

'New York' ist für mich die überzeugendste elektrische Songwriter-Platte, die ich kenne. Klar, ich mag Velvet Underground und auch das meiste Solo-Zeug von Mr. Lou Reed weiß ich durchaus zu schätzen. Aber auf dieser Platte hat sich der Meister selbst übertroffen. Da ist kein Ton zuviel, die meisten Songs sind eigentlich klassisches Songwritertum, aber durch Hinzunahme von elektrischen Instrumenten ist Reed hier dennoch weit weg von allen Arlo Guthries oder frühen Bob Dylans.Cover von "New York" Daß er mit 'New York' seiner Heimatstadt darüberhinaus noch eine bittersüße Hommage geschenkt hat, macht sie erst recht "besonders wertvoll". Packender und vielschichtiger hat selten ein Rock'n'Roller die Atmosphäre einer Metropole auf Vinyl gebannt. Ich schätze, alleine schon unter diesem Aspekt ist 'New York' ein echter Meilenstein.

David Bowie
Low (1977)

Allen Ernstes – für mich hat Bowie, in Zuammenarbeit mit Meister-Produzent Brian Eno, mit 'Low' die New Wave vorweggenommen und dadurch erfunden. Man muß bedenken, daß diese Scheibe bereits 1977 entstanden ist, als XTC oder The Jam noch nicht im entferntesten in Sicht waren,Cover von "Low" Bowie hat mit diesem Album das Düstere, Mystische und auch Schwermütige dieser Musik vorweggenommen, was mir besonders die Instrumentalstücke auf der zweiten Hälfte der Platte eindrucksvoll unter Beweis stellen. Eine Menge Leute haben ja behauptet, daß 'Low' eine der schwächsten Platten von Bowie überhaupt sei. Daß finde ich überhaupt nicht – in meinen Ohren hat sie jede Menge nachfolgender Trends vorweggenommen und Meister David durchaus darin bestätigt, was man ihm häufig zugute gehalten hat – Trendsetter zu sein. Daß die Platte in Berlin entstanden ist, hat der Mann ebenfalls kongenial in dieses Album einfließen lassen: Wenn man die Augen schließt und sich dann 'Low' anhört, kann man sich ohne weiteres in die triste, leicht resignative Atmosphäre der deutschen Metropole hineinversetzen. 'Low' ist ein Filmsoundtrack über Berlin ohne die dazugehörenden Bilder.

Neil Young
Weld (1991)

Ich habe mir ja mal sagen lassen, daß Neil Young keine Kompilationen oder "Best Of"-Alben mag und daß er es ganz prinzipiell haßt, wenn man einzelne Songs aus ihrem jweiligen Kontext herausreißt, weil dann der historische Bezug nicht mehr gewährleistet ist. Egal, mit 'Weld' hat er sich mehr oder weniger selbst überlistet, denn dieses Doppel-Album – entstanden meines Wissens nach um 1990 herum – ist eine Art "Neil Young's Greatest Hits", allerdings unter völlig aktuellen Bezügen aufgenommen. Denn 'Weld' enthält zwar etliche von Neil Youngs Klassikern, aber aufgenommen unter den Umständen eines furiosen, ausufernden Konzerts.Cover von "Weld" Was zur Folge hat, daß selbst eingefleischte Young-Kenner wie ich beim ersten Mal der Platte Mühe hatten, die Songs zu identifizieren. Und genau unter diesem Aspekt ist 'Weld' eine ganz hervorragende Arbeit und – bei allen großartigen Platten, die dieses Genie in seiner endlosen Karriere schon aufgenommen hat – die vielleicht großartigste Neil Young-Platte. Darauf zu hören kriege ich eine Menge meiner Young-All-Time-Favourites, aber in nie dagewesener Interpretation. Vielleicht hat Neil Young mit 'Weld' ja sogar eine ganz neue Kategorie ins Leben gerufen – die der lauten, elektronischen "Best Of"-Platte. Auch nicht übel, oder?

Musik Express/Sounds, August 1996

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