Heinz Rudolf Kunze

2005

Heinz Rudolf Kunze war von Oktober 2003 bis Ende Juni 2005 Mitglied der Enquete-Kommission "Kultur für Deutschland" des Deutschen Bundestags. Auf Grund der vermutlich stattfindenden Neuwahlen wurde diese Kommission vorläufig eingestellt.

Dies ist sein persönlicher Abschlußbericht, der auch der Enquete-Kommission übergeben wurde.

Was ist das: Künstler? Wer? Warum?

Dieser Text kann und will nicht so sein wie alles, was mir bisher im Zusammenhang der Enquete-Kommision „Kultur in Deutschland“ als Lesestoff untergekommen ist. Ich bin kein professioneller Politiker, kein Jurist, kein Verwalter oder Organisierer oder sonstwie institutioneller Begleiter von Kultur, und deswegen erschiene es mir unangemessen, ja anmaßend bis lächerlich, den Versuch zu unternehmen, mich dem zahlentriefenden, faktenschwangeren und mitunter auch pathosgesättigten Jargon anzunähern, der bei obengenannter Herkunft vorherrscht.

Nicht etwa, daß ich nicht viel schreiben könnte. Oder wollte, abgesehen vielleicht von Terminproblemen. In meiner kleinen Berufsumwelt gelte ich sogar als ausgesprochen outputversessen. Ich habe acht Bücher veröffentlicht, das neunte erscheint zur Frankfurter Buchmesse 2005. Dazu kommen 25 eigene LPs beziehungsweise CDs, viele Songtexte und Kompositionen für andere Kollegen, vier Musical-Übersetzungen, zwei eigene Libretti und anderes mehr.

Daran liegt es also nicht, wenn ich mich schwertue. Mich überkommt allerdings, wenn ich versuche, in der Papierflut dieser Kommission wenigstens die Unterkante der Oberlippe über Wasser zu behalten, zuweilen eine schwindelanfällige Müdigkeit. Von weitem könnte die aussehen wie das Winken eines Ertrinkenden. Bei näherer Betrachtung ist es eher ein tendenziell resignierendes Abwinken: laß fahren dahin. Denn was es hier zu lesen gibt, hat bisweilen die Anschaulichkeit von Sichtbeton und den Nährwert von Eßpappe, den Tiefgang einer Pfütze vor dem Paul-Löbe-Haus und die Nachhaltigkeit des Lebenswerks von Stefan Raab, kurz: Wortbandwürmer, keimfreies Zauderwelsch. Die Grenzen zwischen funkelnder Rabulistik und byzantinisch-verworrener Albernheit sind dabei fließend; Paradigmen und Paradogmen verschlingen sich zu gordischen Knoten, die kein Schwert mehr zerhaut, manchmal sind auch Paroxysmen darunter. „Am unverständlichsten reden die Leute daher, denen die Sprache zu nichts anderem dient, als sich verständlich zu machen“, beobachtete schon Karl Kraus. Auch mir bleibt hier vieles verschlossen, vermutlich gerade wegen der puritanischen, sorry: wissenschaftlichen, Allergie gegen anschaulich-bildhaftes Sprechen. Ja, ich als der einzige „Repräsentant“ derer, um deren Schicksal es hier doch wohl gehen soll, empfinde so etwas wie Schreibhemmung bei dieser Haupt- und Staatsaktion, die es wohl nicht zustandebringen wird, Sand im Getriebe zu sein (das wäre vielleicht auch zuviel verlangt, dazu müßte sie schon auch etwas entscheiden dürfen), sondern im Sande zu verlaufen droht wie das K.u.K.-Palaver der geheimnisumwitterten Ausschüsse in Musils „Mann ohne Eigenschaften“.

Nur daß diese Enquete nicht geheimnisumwittert ist. Sie interessiert die Außenwelt mäßig bis kaum. Sicher, bei promi-gespickten Hornberger Schießübungen wie der Quoten-Anhörung erhellt kurzzeitig Blitzlichtgewitter unser eloquentes Dahindämmern; da darf ich sogar meine Nasenspitze einen Satz lang in die „Tagesthemen“ halten. Toll, da war ich noch nie. Und Anne Will war daraufhin auch ganz zauberhaft zu mir, als sie mich kurz darauf bei einer Veranstaltung des Bundeswirtschaftsministers anmoderierte. Keine Frage, man lernt hier im Bundestag sehr interessante Leute kennen. Auch, und damit war nicht unbedingt zu rechnen, sehr liebenswerte. Und, sicher, sehr kluge. Und trotz alledem kommt bei mir auf den Nachhausefahrten ab und zu die Frage hoch: Was machst du eigentlich hier? Und vor allem die anderen, die immer hier sind? Ist das Politik – man beißt in Wahrheit gar nicht auf Granit, sondern die Widerstände haben eher die Konsistenz eines Marshmellows? Gut, auch das macht auf Dauer die Zähne kaputt.

Am Ende der Einsetzungsveranstaltung und Auftragsvergabe für die Enquete sagte Bundestagspräsident Thierse schmunzelnd: „So – das was ich jetzt gemacht habe, nennt man wohl eine Sprechhandlung.“ Der Mann hat sowas schon öfter gemacht, das merkte man. Und der freundliche Beifall aller auf den langen Weg Geschickten verriet Selbsterkenntnis: Mehr läuft hier nicht. Bis auf Schreibhandlungen, versteht sich. Sprech- und Schreibhandlungen satt.

Damit habe ich Schwierigkeiten. In meinem Teil der Welt gelten andere Spielregeln. Ich bin es einfach nicht gewohnt, mich in Rednerlisten einordnen zu müssen. Bis ich dran bin, habe ich längst vergessen, was ich sagen wollte. Wahrscheinlich wäre es ohnehin nur das Gleiche gewesen, was schon alle vor mir gesagt haben. Ohne daß irgendjemanden das manchmal schon penetrant Wiederholsame dieses Rituals zu stören scheint. Jeder muß halt drankommen. Jede Fraktion. Bloß alles korrekt. Draußen könnten Aliens landen, aber drinnen: Alles hübsch der Reihe nach. Bitte ausreden lassen. Bitte einatmen. Bitte ausatmen. Bitte jetzt nicht mehr atmen. Nein, ich bin heilfroh, daß Musik nicht demokratisch sein kann. In meiner Band muß entschieden werden. Von mir. Ich bin gewohnt, daß gemacht wird, was ich sage. Churchill hatte Recht: Demokratie ist zuweilen fast unerträglich mühsam.

Und man wundert sich, wie es möglich war, bei so viel Geschwätz Diktaturen zu besiegen.

Zwar habe auch ich einen akademischen Hintergrund – abgeschlossenes Germanistik- und Philosophiestudium fürs Lehramt an Gymnasien –, aber ich schlug dann doch einen grundsätzlich anderen beruflichen Weg ein, auf dem mir das, was ich zuvor gelernt hatte, öfter vorgeworfen als hoch angerechnet wurde. Ich bin nämlich Künstler geworden, ohne mich übrigens je länger mit der Frage aufzuhalten, was das denn „eigentlich“ sei. Künstler zumal im zwielichtigen Milieu des Popgeschäfts, für Strenggläubige also allenfalls ein „Unterhaltungskünstler“, und wo diese Leute Recht haben, da haben sie Recht – es war mir in der Tat immer wichtig, das Publikum gut zu unterhalten, auf die spezielle Art und Weise freilich, wie ich Unterhaltung verstehe. Das hat dazu geführt, daß ich recht gut davon leben konnte und weder dem Staat noch einer Künstlersozialkasse noch sonstwelchen Auffangorganisationen für geplatzte Lebenslügen bis dato zur Last fallen mußte.

Das klingt hart, aber ich stehe dazu. Gewiß gibt es den Sorgenfall des unverstandenen Genies, das Unterstützung verdient. Seltener allerdings, als es das zeitgeistige nivellierende und maßstabsfeindliche „kulturelle Klima“ wahrhaben will, davon bin ich überzeugt, ohne es statistisch belegen zu können oder zu wollen. Eine zur Krampfigkeit ausgeartete „Toleranz“ hierzulande möchte sich gern grundsätzlich dünnbrettbohrend vor Qualitäts- und Wertentscheidungen im Ästhetischen drücken. Aber es gilt, die Spitzwegs vor den Holzwegs zu schützen. Fehlurteile sind dabei dem Nichturteilenwollen vorzuziehen. Daß alles Kunst und jeder Künstler ist, halte ich für ein feiges und dummes pseudodemokratisches Mißverständnis.

Meine Position in dieser Enquete-Kommission empfinde ich als ehrenvoll, aber auch als problematisch und pikant, denn eigenartigerweise bin ich tatsächlich der einzige Künstler in dieser illustren Runde. Als Parteiloser von der Union berufen, verblüfft es mich schon beträchtlich, daß keine der anderen Parteien einen Maler, Schauspieler, bildenden Künstler oder wen auch immer aufbieten konnte oder wollte. Mehr anwesende Künstler hätten nicht unbedingt zu mehr Ergebnissen geführt – eher im Gegenteil, so wie ich zumindest die mir bekannten Säcke voller Flöhe einschätze. Aber eines scheint mir sicher: Es wäre eine andere Sprache gesprochen worden. Näher am Mann, wie man (glaube ich) sogar im Frauenfußball sagt. Einer Zusammenballung von, sagen wir mal: wenigstens einer Handvoll Künstler hätte die Ummantelung der Parlamentarier durchaus standgehalten, ohne zu riskieren, daß das leicht erregbare und allzu leicht spaltbare kreative Brennmaterial zur bedenklichen kritischen Masse geworden wäre.

So, wie es war, kam ich mir angesichts mancher Sitzungen und Papiere vor wie Kafkas K. oder Zuckmayers Hauptmann von Köpenick vor dem Gesetz respektive vor den Behörden. Insbesondere eine auswärtige Sitzung in Dresden ist mir in ausnehmend lebloser Erinnerung geblieben – dort ist es sämtlichen rhetorisch brillierenden Spiegelfechtern gelungen, vier Stunden lang zu reden, ohne daß ein einziges Mal das Wort „Künstler“ fiel. Sollte ich es überhört haben, muß ich wohl eingeschlafen sein.

Es ist aber nicht nur die Scheu des Außenstehenden (und absurderweise gleichzeitig Hauptbetroffenen), die mich davon abhält, mich auf den professionellen Polit-Tonfall der „papers“ und Gutachten einzulassen. Sorge macht mir auch der Eindruck eines gewissen augenzwinkernden Spießgesellentums zwischen Fragenden und Befragten bei manchen – nicht allen – Anhörungen, wo sich bei mir das Gefühl breitmachte, man wolle sich eigentlich nur gegenseitig bescheinigen, wie richtig man alles mache. Teil dessen wollte ich nicht sein, und zum Spielverderber fehlen mir Übung, Temperament und schlechte Kinderstube. Vielleicht beschreibt dieses Verhalten, dieses Empfinden, diese Randständigkeit in bezug auf das vorherrschende Treiben schon mal ganz zaghaft einen wesentlichen Zug des Künstlertums – das Tonio-Kröger-Syndrom im Sinne Thomas Manns. Darüber kann man sich kurzsichtig lesen von Aristoteles bis Peter Szondi, von Adorno bis Agamben – aber Manns knappe Erzählung enthält in nuce durchaus die Antwort auf die Titelfragen dieses, nennen wir es ruhig mal: Besinnungsaufsatzes. Ein schöner, völlig zu Unrecht für verstaubt gehaltener oder gar in Verruf geratener Gattungsbegriff.

Wer ist Künstler? Keine Ahnung. Ich bin einer. Das, glaube ich, weiß ich. Alles andere ist mir, wenn man meine Ehrlichkeit auf die Goldwaage legt, wurscht. Hoffentlich gibt es möglichst wenige andere, die mein Licht mindern. So denkt man als Künstler. Kunst zu machen, Künstler zu sein, ist der reine Wahnsinn, und das ist kein flacher Kaugummispruch. Wer so etwas tut, dieser Sache sein Leben widmet, kann nicht normal sein. Künstler sind die radikalsten Egoisten, die es gibt. Ausgerüstet mit der unschuldigen Brutalität von Kindern. Und dieser Egoismus als Triebkraft für das Werk färbt auf Leben und Verhalten ab. Es geht nicht anders. Künstler haben keine andere Chance. Paul Valery schrieb dazu in den „Windstrichen“ über diese autistische Spezies: „Keinen von ihnen kann ich mir einzeln vorstellen; und dabei hat sich doch jeder verzehrt, damit keiner neben ihm bestehe. Sie haben sich aus Momenten ihres Lebens aufgebaut, die jede andere Art zu denken, zu sehen oder zu schreiben ausgeschlossen hätten.“

Niemand noch so Wohlmeinendes wird das je verstehen, der nicht selber Künstler ist. Wir leben davon, daß ihr es nicht versteht. Auch wenn ihr es glaubt. Uns ist, nicht nur in letzter Kleistscher Konsequenz, nicht zu helfen. Aber gut, es muß ja nicht immer konsequent zugehen. Nicht jedesmal, wenn wir uns vor euch verbeugen, lügen wir.

Wenn Künstler einander bei größeren Zusammenrottungen umarmen, ist die Heuchelei in dieser Geste ungleich größer als bei jeder anderen Berufsgruppe. Künstler halten sich selber für absolut unentbehrlich und die anderen für letzten Endes vollkommen überflüssig. Freilich wissen sie in ihrem tiefsten Innern, daß das nicht wahr ist. Aber Künstler haben gelernt, mit ihrem tiefsten Innern äußerst kalkulierend umzugehen. Künstler hassen Künstler mit einer Intensität, die weit über Rivalität hinausgeht. Wahre Freundschaft zwischen Künstlern ist weitaus unmöglicher als zwischen Männern und Frauen.

Deswegen hat die Kümmerei um das soziale Wohl und Wehe von Künstlern, diesen zutiefst asozialen Subjekten, etwas Rührendes und Vergeblich-Lächerliches zugleich. Was ein richtiger Künstler ist, der will bis knapp vor dem Verhungern nicht, daß man sich staatlicherseits um ihn müht. Fürsorgliche Belagerungen aller Art sind ihm lästig, peinlich, klebrig. Wer dergleichen dankbar annimmt, wird von den anderen nicht für voll genommen. Die Welt der Künstler ist der einzelgängerische Kampf ums Dasein. Die sozialdemokratisierende Trockenlegung dieses Dschungels, dieses erdrückend gutgemeinte humanitäre Anliegen fast quer durch alle Parteien, wird niemals funktionieren. Was mich irgendwie nicht sonderlich beunruhigt.

Künstler, sagt Karl Kraus, haben das Recht, bescheiden, und die Pflicht, eitel zu sein. Also traue ich mich ohne falsche Bescheidenheit an die Frage heran, was es mit dem Künstlertum auf sich hat. Und ich will mich keineswegs vor einer Antwort drücken, wenn ich Leute zitiere, die sich vor mir den Kopf darüber zerbrochen haben. Laut Thomas Mann sind beispielsweise Schriftsteller Menschen, die Schwierigkeiten mit dem Schreiben haben. Deswegen stört mich auch nicht im geringsten die Vorläufigkeit eines Anlaufes meinerseits wie: Künstler sind allergisch gegen die voreilige Geläufigkeit beim Ausüben ihrer von wem oder was auch immer ihnen aufgegebenen Pflicht und Neigung.

Zu Zeiten eines Karl Kraus war das Subversivste, Guerilla-Ähnlichste was ein Künstler tun konnte, sein äußeres Verhalten und Erscheinungsbild dem „Durchschnitt“ anzupassen, perfekt getarnt sein Anderssein zu leben. Im Zeitalter der in Talkshows zur Schau gestellten Geschlechtsteil-Piercings einer hyperindividualistischen Gesellschaft aus lauter Nichtsen ist uns diese Möglichkeit „falscher Bescheidenheit“ nun auch noch genommen. Also muß sich der Künstler noch tiefer verstellen, denn trotz alledem gilt immer noch und mehr denn je der Kraus-Satz: „Die wahre Boheme macht den Philistern nicht mehr das Zugeständnis, sie zu ärgern.“ Allenthalben herrscht das Pöbelphilistertum – also loben wir es zutode! Harald Schmidt ist der wahre ästhetische Bin Laden. Ob er Guy Debord und die Situationisten gelesen hat, weiß ich nicht. Aber er vollstreckt sie.

Künstler: ein naturgemäß geheimnisvoller Begriff. Aber die Versuche, ihn einzukreisen, reißen nicht ab. Was Heiner Müller dazu zu sagen hatte? Brecht, durch Becketts Teilchenbeschleuniger gejagt. Rainald Goetz? Schlingensief? Den Mund ziemlich voll genommen, Gewölle hochgewürgt, der Rest Techno-Gefasel. Peter Handke, ja sicher, mit Anknüpfungen von Thukydides bis Walker Percy. Botho Strauß, unbedingt. Nicht obwohl sondern weil er der Erbe Ernst Jüngers ist. Aber „weiter“ gekommen als, sagen wir mal: Friedrich Schiller? Naturgemäß keiner. Endgültige Antworten: unmöglich. Aber warum sollte das entmutigen, warum sollte man in dieser Frage Verbindlicheres erwarten dürfen als in der Philosophie oder anderen Wissenschaften? Das, was Wassily Kandinsky als „Kunst“ zu umschreiben versuchte, läßt sich sinngemäß, ja nahezu wörtlich auf den Begriff des Künstlers anwenden (Eine gewisse Nähe zu Sisyphus oder Don Quixote ist solcherart Bestreben nicht ganz abzusprechen. Aber was solls? Sisyphus, hat uns Camus gelehrt, müssen wir uns als einen glücklichen Menschen vorstellen. Und einen Botho Strauß könnte man aus einiger Entfernung durchaus für einen Don Quixote des Windräderzeitalters halten...): „Die Kunst besteht nicht aus neuen Entdeckungen, die die alten Wahrheiten streichen und zu Verirrungen stempeln (wie es scheinbar in der Wissenschaft ist). Ihre Entwicklung besteht aus plötzlichem Aufleuchten, das dem Blitz ähnlich ist...dieses Aufleuchten zeigt...neue Perspektiven, neue Wahrheiten, die im Grunde nichts anderes sind, als die organische Entwicklung, das organische Weiterwachsen der früheren Weisheit.“

Künstler, folgt für mich daraus, ist jemand, der sich selbst in radikal subjektiver Weise gegenüberstehen und darstellen kann – und dadurch zu Objektivationen menschlichen Verhaltens, Denkens, Fühlens gelangt, hinter denen sein eigener biographischer Input als Spielmaterial verschwindet beziehungsweise in dem es aufgeht. Mitteilungen von sich machen, um bei etwas anzukommen, was man weiterhin mit ein wenig Mut das wesenhaft Menschliche nennen sollte: das ist der Job.

Und deswegen versucht dieser Text zwei Dinge: Von meinen Erlebnissen und Eindrücken als Künstler in einer Unternehmung namens Enquete zu erzählen, die sich mit kalten Chirurgenfingern einem zuckenden, warmen Objekt zu widmen bemüht ist, und mich und meinesähnlichen ein weiteres x-tes Mal auf so etwas wie Begriffe zu bringen. Neueren Bestrebungen, die Begriffe von Kunst und Künstlertum auf jedes selbstverantwortete Ein- und Ausatmen anzuwenden und endgültig zu entgrenzen, stehe ich sehr skeptisch gegenüber. Burkhard Spinnen meint dazu in „Bewegliche Feiertage“: „Machthaber zum Anfassen, Musik zum Mitmachen – es gehört nun einmal zu den korrekten Ritualen der späten Demokratie, eine Auflösung der Gattungsgrenzen und eine unbedingt Publikumsbeteiligung beständig als ein moralisches Dogma zu verkünden, das auf absolut jeden Lebensbereich anzuwenden sei.“ Ob beispielsweise wirklich jeder Scharlatan, der sich „DJ“ nennt, die Platten anderer Leute auflegt und dabei ein bißchen auf ihnen herumkratzt, im geduldigen Auge der Geschichte seinen derzeitigen (fast muß man schon wieder sagen: Noch -) Ruf als Avantgardist behalten wird, erscheint mir doch zweifelhaft. Manchmal hat mich der Gang der Dinge eines Schlechteren belehrt. Bisweilen auch nicht. „Nichts“, schreibt Burkhard Spinnen, „wird so freundlich aufgenommen wie das Empörende, und keine Haltung ist so konform wie die des kreischenden Tabubruchs. In dieser totalen Nivellierung droht alles und jedes seine Darstellungskraft, ja seinen Anspruch auf Wahrheit zu verlieren.“

Denn das ist er ja, der Dreh- und Angelpunkt künstlerischen Bemühens: der Anspruch auf Wahrheit beziehungsweise Wahrhaftigkeit. Der Künstler, der Kitzler von Begierde und Gewissen, das „Genie“, der einzig wirkliche Autonome, ist der heilige Narr der bürgerlichen Gesellschaft, der von dieser ausdifferenzierte Selbstverwirklichungs-Profi. Als Fachmann des Geheimnisses lebt er den Gegenentwurf zum normierten Zweckhandeln, umkränzt vom Heiligenschein der Originalität und Einsamkeit. In Kants „Kritik der Urteilskraft“ klang das noch einigermaßen harmonisch-harmlos: Das Genie ist „die musterhafte Originalität der Naturgabe eines Subjektes im freien Gebrauch seiner Erkenntnisvermögen“. Zweihundert Jahre später konstatiert Richard Sennett in New York allerdings: Das Verhältnis des modernen Künstlers zur Gesellschaft ist das einer prinzipiell provokativen Gegnerschaft.

Erst der Wegfall der höfischen Kultur und ihres Schutzraums machte den Künstler zu dem „Außenseiter“, als der er noch heute gilt – womit die Avantgarde der Moderne sich nicht nur abfand, sondern produktiv umging. Der höfische Künstler konnte aufgrund des herausgehobenen Status seines Tuns gelegentlich eine Nähe zu seinem adligen Auftraggeber herstellen, die keinem anderen Bürger erreichbar war. Im bürgerlichen Zeitalter, nach der industriellen und demokratischen Doppelrevolution, wurde dann entgegengesetzt das Verhältnis zwischen dem Künstler und seinem zahlenden Publikum als gloriose Ferne stilisiert. Die moderne „Erfindung des Privatlebens“ hat auch den Künstlertypus der Moderne hervorgebracht – die „Individualisierung des Gefühls“ (Norbert Elias) wurde sein Wesensmerkmal und Spezialgebiet. Mozart war ein Pionier dieser Tendenz – er mußte noch den Riß zwischen höfisch-handwerklichen Auftragsanforderungen und neuer, nur noch der eigenen Phantasie verpflichteter Selbsterforschung aushalten.

Mitte des 18. Jahrhunderts setzte die volle Entfaltung des modernen Menschenbildes ein. Gleichheit vor dem Gesetz wurde eine unüberhörbare und Schritt für Schritt durchgesetzte Forderung. Individuelle Leistung und Tüchtigkeit gewannen als berechtigter Geltungsanspruch in der Gesellschaft zunehmend an Gewicht gegenüber adliger Herkunft. Damit einher ging eine Verfeinerung des individuellen Empfindens – wohlgemerkt nicht nur beim Künstler, sondern auch beim Rezipienten. Eine ungeheure Dynamik, ja geradezu Wandelwütigkeit, auch und gerade bezogen auf Werte, nahm Fahrt auf – soziale, politische, ästhetische Entwicklungsprozesse, die früher Jahrhunderte in Anspruch genommen hatten, veränderten nunmehr das Antlitz der Erde und das Innenleben in den Köpfen innerhalb weniger Jahrzehnte. Eine Vergötterung des Innovatorischen, des schlechthin „Neuen“ in Kunst und Gesellschaft setzte ein. Je mehr sich Sachlichkeit und Effektivität im Ökonomischen durchsetzten, desto drastischer wurde eine davon abgetrennte Subjektivität dem künstlerischen Bereich zugewiesen. Max Weber wies darauf hin, daß dieses Auseinanderdividieren den Künstler zwangsläufig auf Dauer in eine Krise steuert: nämlich geradewegs hinein in den Elfenbeinturm, in die Unverstandenheit, ja ins Unverstehbare, weil er nolens volens den lebendigen Bezug zum Rest der Wirklichkeit einbüßt. Sein Platz, sein anerkannter Rang in der modernen Gesellschaft ist nur so lange gesichert, wie er imstande ist, den Symbolbedarf des „prosaischen“ Bürgers zu decken; das ist die ihm zugedachte Rolle im sozialen Zusammenspiel. Als Repräsentant des Schönen, Geistigen und Freien fungiert er als moderner Ersatzpriester. Kultur übernimmt von der Religion die Aufgabe der Sinnstiftung, Kultur als, wie Wolfgang Ruppert definiert, „das überindividuell kommunizierte 'Geflecht' von Begriffen, der verbalen und nonverbalen Zeichen, von Deutungsmustern, bildlichen Vorstellungen und ästhetischen Chiffren, von mentalen Handlungspraktiken, Gefühlen und Ritualen“. Der Künstler fungiert als Geheimnisträger, als Schamane innerhalb einer Epoche, die das „Höhere“, Immaterielle aus ihrem Lebens- und Arbeitszusammenhang verbannt hat, ohne aber auf dieses Ausgelagerte verzichten zu können. Diese Sonderrolle war von Anbeginn an hochgefährdet. Für Georg Simmel beispielsweise ist der künstlerische Kampf des Eigen-Sinns gegen die Übermacht der Konvention nichts anderes als die moderne Fortsetzung des prähistorischen Kampfes um Dasein und Lebenserhalt.

Der Künstler führt eine prekäre Existenz zwischen Bewunderung und Neid, weil er als ein von den Rationalitätszwängen befreites, ja geradezu erlöstes Ausnahmeexemplar der Selbstverwirklichung gilt. Einerseits wird er als Genie glorifiziert, andererseits als asozialer unzuverlässiger Faulenzer denunziert. Die Lebensführung des Künstlers als BERUF ergab sich zwar geradezu logisch aus der immer weiter zunehmenden Ausdifferenziertheit der arbeitsteiligen Gesellschaft, war aber dennoch aufgrund der sie umgebenden Aura und der von den Bürgern als defizitär erlebten nüchternen Normalwelt des Verrichtens von jeher umstritten und angefeindet. Wer als Künstler tatsächlich mehr wollte als den jeweils herrschenden Geschmack zu bedienen, tat immer gut daran, anderweitig materiell abgesichert zu sein, oder er tat sich prinzipiell schwer mit dem Lebenserhalt.

Für jedes Gebiet künstlerischer Betätigung gibt es heutzutage so etwas wie Rankings, Polls, Hitparaden – wer die anführt, ist ein Großkünstler. Freilich nicht automatisch (sogar eher selten) ein großer Künstler, was Wagemut, Neugier, Innovationskraft betrifft. Die können nur ausgelebt werden, wenn modernes Mäzenatentum dahintersteht – oder eben finanzielle Unabhängigkeit.

Von Thomas Mann bis Bourdieu gilt: Bürger und Künstler sind Brüder – engstens aufeinander verwiesen, aber auf ganz verschiedene Art den Zwängen der modernen Zeit unterworfen. Beide tragen ähnliche Kainszeichen auf der Stirn: die des Funktionieren- und Mithaltenmüssens im Zeitalter der Zweckrationalität, dabei voneinander abhängig in Haßliebe.

Es mag den Anschein haben, der Künstler sei abhängiger vom Bürger als umgekehrt. Der Bürger aber, der sich nicht mehr als vom Künstler abhängig empfindet, der also gewissermaßen nach der Abwendung von der Religion auch die Ersatzreligion und deren kultische Protagonisten aus den Augen verliert, endet als Krämer und perspektivloser, Zeit totschlagender, übel zugerichteter Verrichter und Konsument, symbolblind dem Untergang geweiht. Er verschwindet einfach in den Haushaltslöchern seiner ästhetischen Defizite. Wir beobachten es heute. Der lange Zeit tonangebende Mittelstand ist in Auflösung begriffen. Unsere Gesellschaft orientiert sich schon weitgehend an den Maßstäben (wenn das Wort in diesem Fall nicht ein Widerspruch in sich ist) des Proleten-Trashs.

Daß es bis heute weniger Künstlerinnen als Künstler gibt, liegt nach wie vor am bürgerlichen Menschenbild und Erziehungsideal, wenngleich diese seit geraumer Zeit in einem sich ständig beschleunigenden Wandel begriffen sind. Der Frau wurden zwar schon seit Jahrhunderten die musischen, „weichen“ Fähigkeiten in besonderem Maße zugeschrieben und schwerpunktmäßig anerzogen, sie wurde aber in einem bis ins frühe 20. Jahrhundert nahezu ausschließlich männlich geprägten Wertesystem eher als „Empfangende“, als Rezipientin, denn als aktiv gestalterisch Tätige wahrgenommen, geprägt und eingestuft. Trotz einiger Brechungen und Aufbrüche gilt das im Großen und Ganzen selbst in der Popmusik heute noch fast unverändert – der Anteil eigenschöpferischer Frauen, die ihre eigenen Songs verfassen und vertreten, ist immer noch vergleichsweise gering, der Anteil fremdbestimmter Interpretinnen, ferngesteuerter Marionetten männlicher Macher im Hintergrund, ausgesprochen hoch.

Der Künstler muß seit seiner Emanzipation von der höfischen Welt zwangsläufig mit dem „Markt“ kooperieren, um zu überleben. Das macht ihn im Erfolgsfall zu einem gewieften Taktiker, der sich – von Lenbach bis Wagner, von Goethe bis Warhol – auf Umwegen doch noch bürgerliche Wohlanständigkeit und Renommee erschleicht. Fast gleich alt aber ist der sich radikal vom „Betrieb“ abwendende Typus des Bohemiens (der der „Falle“ des Erfolges und der Vereinnahmung zuweilen nur zeitversetzt zum Opfer fällt) – man datiert sein Entstehen üblicherweise auf die 30er Jahre des 19. Jahrhunderts in Paris. Der „angepaßte“ Künstler gab sich früher äußerlich durchaus bürgerlich; inzwischen wird gerade von ihm ein möglichst grelles, geckenhaftes Auftreten erwartet, wohingegen der Avantgardist (so es das überhaupt noch gibt) eher zu brechtisch-schwarzgrauem Understatement tendiert.

1930 warnte der Reichsbund Deutscher Kunsthochschüler vor den Risiken, den Beruf des Künstlers ergreifen zu wollen: „Der Künstlerberuf hat für den Fernstehenden etwas Verlockendes. (...) Doch abgesehen von seltenen Ausnahmen gestaltet er sich in Wahrheit anders: Mühevolles Aneignen des handwerklichen Könnens, Ringen mit der eigenen Begabung, Kampf gegen starke Konkurrenz, Intrigen von Seiten der Kollegen, Verkennung und Verständnislosigkeit beim Publikum, Schwierigkeiten und Entbehrungen aller Art, allmähliches Herabsinken ins Künstlerelend, Berufswechsel oder Übernahme von minderwertiger Arbeit, nur um das Leben zu fristen: solche Wirklichkeit bietet nichts Verlockendes.“

Dieser Befund hat sich heute eher noch verschärft in einer Zeit, in der es dem Fernsehen gelungen ist, zumindest bezogen auf Musik das Wort „Superstar“ zu einem Schimpfwort zu verkrüppeln.

Unverkennbar ist eine Vertiefung des Risses zwischen Künstler und Publikum im Verlauf des 20. Jahrhunderts. Der Künstler radikalisiert seine Visionen und immer weniger Rezipienten können ihm folgen, wenn er es ernst meint. Der Rest ist Kulturindustrie – oder Werbung. Wobei selbst dieses „Ernstmeinen“ immer einen schillernden (kein auf Friedrich S. gemünzter Kalauer) Aspekt eitler Selbstdarstellung beinhaltet, der den aufmerksamen Beobachter stutzig macht und letzten Endes – in einer problematischen weil verharmlosenden Weise – tröstet, daß alle Mahnungen des Propheten doch nur Spiel sind. Was sie ja auch durchaus sind, würde der Schiller der Ästhetischen Briefe sagen. Aber eben das ernsthafteste, das wichtigste Spiel, das dem Menschen zur Verfügung steht – zu Gebote steht.

Wie und wann genau sich die frühesten Stadien einer Entwicklung ereignet haben, die zum Künstlertum als Individualismus par excellence geführt haben, bleibt strittig. Von der Erfindung der Ohrenbeichte Anfang des 13. Jahrhunderts mit ihrer Betonung des Einzel-Schicksals bis zur Cartesianischen Wende und ihrer Entdeckung des Selbst-Bewußtseins reichen die Erklärungsversuche, die nur in der Zusammenschau ein „lesbares“ Deutungsmuster ergeben.

Wenn der konsequente Künstler sich vom Verständnis des Publikums entfernt – ein Schicksal, für das nach wie vor exemplarisch die Namen der Neutöner Schönberg, Berg und Webern Anfang des 20 Jahrhunderts stehen – lauern zwei Gefahren: zum einen führt die träge Auffassungsgabe der konventionssüchtigen Rezipienten zur Erfolglosigkeit, zum anderen eröffnet sich bei allzu obskuren Strategien künstlerischer Praxis ein bedenklicher Spielraum für Schaumschlägerei jeder Art. Vielleicht ist das Unverstandene ja zuweilen tatsächlich nicht zu verstehen, weil es aus heißer Luft besteht und der Kaiser nackt ist. Dieses Risiko macht mithin vielleicht den größten Reiz der Beschäftigung mit Kunst aus – es ist immer ein Wolkenspaziergang. Mit Absturz auf eigene Gefahr.

Ende des 19. Jahrhunderts formierte sich unter dem Erlebnisdruck des schwindelerregenden Tempos der Industrialisierung und der zunehmenden Flüchtigkeit und Beliebigkeit alles Erfahrbaren erstmals so etwas wie eine „Jugendbewegung“. Sie radikalisierte die Wunschvorstellung eines individuellen, unverwechselbaren, selbstbestimmten Lebens. Seit dieser Zeit besteht in der gesellschaftlichen Wahrnehmung eine enge Verbindung zwischen Künstlertum und Jugendlichkeit, ja Jugendkult – unter dem Druck, permanent Innovatives leisten zu müssen, gibt sich die Avantgarde permanent rebellisch gegen die „Alten“ und alles Überkommene. Selbstverständlich ließ die Versteinerung dieser Pose nicht allzu lange auf sich warten. Spätestens seit dem Ende der Pop Art war sie zu Staub zerfallen.

Der Beruf des Künstlers, etwa 1790 nennenswert aufgekommen, gegen Mitte des 19. Jahrhunderts als Berufs-Bild durchgesetzt und in seiner gesellschaftlichen Rolle anerkannt, funktioniert im komplexen Wechselspiel mit den bürgerlichen „Brotberufen“. Im Gefolge der Vordenker Kant und Schiller, die die Autonomie des Künstlers philosophisch fundierten, wurde so die Spaltung von „Kunst“ und „Leben“, von „Geistigem“ und „Materiellem“ strukturell festgeschrieben. Der Bürger funktioniert, der Künstler phantasiert. Er ist der Dienstleister des Höheren. Die neuen Eliten, die nach und nach den Adel ablösten, sind sein „Markt“. Der Künstler ist also geradezu der Prototyp des Selbständigen, des Freiberuflers. Eine janusköpfige Freiheit, teuer erkauft durch Anpassungsdruck und die Willfährigkeit, in die immergleichen Erwartungskerben des Publikums zu hauen, um überleben zu können. Jedoch in einer Gesellschaft, die sich Hals über Kopf und heillos ins Hyperindividualistische atomisiert, wird es von Mode zu Mode, von Hype zu Hype schwieriger, Sprachrohr und Ausdrucksträger für irgendeine hinreichend große Kundschaft zu sein. Nur wenige Künstler erreichen je die materiellen Lebensumstände des Bürgertums, das sie mit geistigen Anregungen beliefern. Der arme Künstler ist, wie die meisten Klischees, nur allzu wahr.

Im Schillerjahr 2005 erscheint es mir nicht unangebracht, in seinem Sinne mit anderen Worten zu sagen: Ein Künstler ist ein Mensch, der mit dem gebotenen – und das heißt in seinem Fall prinzipiell: unbotmäßigen – Ernst spielt. Das Undenkbare denken kann keiner. Aber der spielerisch-schöpferische Mensch allein vermag es, die Grenzen des Denkbaren immer weiter hinaus in den Raum des Ungeheuren zu verschieben. Der Künstler eröffnet neue Horizonte, der Wissenschaftler besiedelt dann sukzessive die dadurch verfügbar gewordenen Räume. Um es mit Karl Kraus zu sagen: „Der Wissenschaftler bringt nichts neues. Er erfindet nur, was gebraucht wird. Der Künstler entdeckt, was nicht gebraucht wird. Er bringt das Neue.“

Wer erfindet, was gebraucht wird, ist nicht notwendig – nur hilfreich. Künstler aber erfinden, was nicht, noch nicht, aber immer gebraucht wird. Sie sind notwendig, denn sie wenden die Not ab – die Not des blinden, hoffnungs- und trostlosen Dahinvegetierens im prosaischen Seinszustand. Noch einmal Karl Kraus: „Künstler ist nur einer, der aus der Lösung ein Rätsel machen kann.“

Von Fall zu Fall mag ein Wissenschaftler künstlerische Verfahrensweisen anwenden, um in dem ihm gegebenen Aufgabenfeld sprunghaft und unkonventionell zu unerwarteten Lösungen zu kommen. Ebenso kann es für einen Künstler nützlich sein, wissenschaftliche Methoden, Recherche und Präzision einzusetzen auf dem Weg hin zu seinen spezifischen Zielen, die sich ihm häufig erst während des sowohl intuitiven als auch kontrollierten Schweifens erschließen. Am Wesensunterschied der beiden Erkenntnisformen ändert das nichts.

Möglicherweise war es nie schwerer, Künstler zu sein, als heute – im absolut disparaten globalsimultanen Ewigjetzt der Geschichte. Denn das heißt, den Versuch zu unternehmen, das Leben als Totalität zu begreifen, die in keiner Parole aufgeht. Als Ort aller Möglichkeiten, wunderbarer und schrecklicher. Als unabsehbar. Künstler sind und bleiben Leute, die einsehen, daß das Leben nicht zu fassen ist. Und die es dennoch versuchen. Niemand kann das inniger ausdrücken als wieder einmal Karl Kraus, der Godfather des modernen literarischen Zorns, mit einem Ausspruch, der auch das Credo Adornos vorwegnimmt: „Kunst kann nur von der Absage kommen. Nur vom Aufschrei, nicht von der Beruhigung. Die Kunst, zum Troste gerufen, verläßt mit einem Fluch das Sterbezimmer der Menschheit. Sie geht durch Hoffnungsloses zur Erfüllung.“

Was immer Aufmüpfiges oder Verqueres ich mit diesem, ja, ich bleibe dabei, Besinnungsaufsatz vorgebracht habe: Ich habe es bislang uneingeschränkt genossen, bei der Unternehmung Enquete-Kommission dabeisein zu dürfen. Selten in meinem beruflichen Leben habe ich so viel geschwiegen – und dabei so viel gelernt. Unter anderem über das Vorurteil, Politiker seien grundsätzlich weltfremd. Eines Tages raunte mir nämlich ein Parlamentarier zu: „Die Wähler sind nicht etwa blöd. Die Wähler sind – noch blöder.“ Er sagte nicht: Wählerinnen und Wähler. Soll man daraus schließen, daß er ein Konservativer war? Oder einfach nur ein vernünftiger Mensch, der angesichts der Endlichkeit unserer Existenz keine Zeit für politisch korrekten Verbalfirlefanz hat? Jedenfalls freut es mich immer ungemein, wenn ich feststellen darf, daß ich nicht alleine meiner Meinung bin. Ich würde übrigens den Namen dieses scharfsinnigen Volksvertreters nicht einmal unter der Folter preisgeben. Können. Ich habe ihn nämlich vergessen. Hoffentlich war er nicht nur eine Wunschvorstellung. Wieder einmal zeigt sich: ein Künstler ist jemand, der um jeden Preis, sei es auch um den einer Notlüge, aus der er eine Tugend macht, an der Wahrheit festhält.

Sollte ich mich in diesem Text gelegentlich oder notorisch im Ton vergriffen haben, täte es mir sehr leid.

Das heißt, nein, eigentlich überhaupt nicht.
Das ist halt meine deformation professionelle.
Als Künstler.

Heinz Rudolf Kunze, Juni 2005

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