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2003

Reichlich Rückenwind Die Haare sind zum Glück penibel gegelt, sonst hätte Heinz Rudolf Kunze der Sturm der Begeisterung in Merzig glatt die Frisur verwuschelt.

Wim Wenders des Deutschrock

Eine wunderbare Liebe: Heinz Rudolf Kunze und die Merziger

Das Geheimnis von Merzig, es wird Heinz Rudolf Kunze wohl noch einige Zeit beschäftigen. Was ist da geschehen an diesem Dienstagabend? In dieser beschaulichen Stadthalle, vor gut 450 Besuchern? In der wohl kleinsten Stadt auf Kunzes aktueller Rückenwind-Tour?

Ein regelrechter Orkan der Begeisterung ist über Kunze und seine Band hinweg gefegt! Schwer zu beschreiben, unmöglich zu erklären. Ohne vorherige "Anheizer-Band" quittiert das Publikum bereits das bloße Erscheinen Kunzes auf der Bühne mit Ovationen, um fortan ausnahmslos jedes (!) Lied mit frenetischem Beifall und stadionartigen Fan-Gesängen zu bejubeln. Zeitweise ist es der Band kaum möglich, den nächsten Song zu beginnen. Schnell machen sich auf der Bühne ungläubiges Staunen, echte Verblüffung und ehrliche Rührung breit. Und dem gewiss nicht auf den Mund gefallenen Kunze verschlägt es mehr als einmal die Sprache angesichts solcher Sympathiebekundungen.

Da steht er nun, mit schwarzem Anzug und schwarzer Hornbrille (die neumodischen Modelle der letzten Jahre sind wieder im Etui verschwunden), ein Wim Wenders des Deutschrock, mit zurücktretendem Haar- und vortretendem Bauch, und versteht die Welt, oder zumindest Merzig nicht mehr. Aus der ganzen Region sind sie hierhin gekommen, die meisten jenseits der 30 und mit den frühen Kunze-Alben groß geworden. Aber das allein reicht nicht aus, diese vorbehaltlose Begeisterung zu erklären. Ein unkritisches Publikum? Vielleicht, wenn es denn viel zu kritisieren gäbe. Denn das Konzert ist gut, streckenweise sogar sehr gut. Vor allem dank der ausgezeichneten, deutlich verjüngten Begleitband "Verstärkung". Diese Frischzellenkur tut Kunze gut: Seine neuen Songs kommen sehr kompakt und druckvoll daher, und auch die alten Hits wie Dein ist mein ganzes Herz oder Finden Sie Mabel klingen deutlich rockiger und "dreckiger". Und das bei einem ausgezeichneten Live-Sound! Zwischen die Songs streut der Wort-Akrobat Kunze immer wieder ironische, bisweilen bissige Prosa, die seine Ausnahmestellung als deutsches Textertalent unterstreichen. Zweieinhalb Stunden lang berauschen sich Publikum und Band auf diese Weise gegenseitig.

Das Geheimnis des Konzerts indes bleibt verborgen. Auf jeden Fall war da etwas in diesem Publikum, vielleicht eine Art Magie, mit Sicherheit war da eine un-glaubliche Energie; für Heinz Rudolf Kunze an diesem Abend bestimmt mehr als nur Rückenwind.

Stefan Berger, Saarbrücker Zeitung, 9. Mai 2003

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