Cover des Buches "Nicht daß ich wüßte"

1995

Ich habe einen Freund

Ich habe einen Freund, der eigentlich gar nicht da ist. Manchmal gehe ich zu ihm, um ihn nicht zu sehen. Es kommt vor, daß er mir einen Gefallen tun will und es ihn tatsächlich gibt. Das macht alles so schwierig. Er ist eigentlich nichts weiter als ein langes Loch mit etwas Fleisch ringsdrum, nichts Besonderes also, weiß Gott. Manchmal kommt er zu mir, um mich zu essen. Dann liegen wir stundenlang im Dunkeln, ich in ihm, er wie eine knotige Schlange. Schließlich erbricht er mich, läßt mich allein, hier, mit dem Gift an den Wänden.

Copyright Heinz Rudolf Kunze