Heinz Rudolf Kunze beim Interview (Foto von Gerald Erdmann)

2003

Kult mit Intelligenz

MDR: Ihr neues Album Rückenwind ist jetzt in den Plattenläden, was für ein Heinz Rudolf Kunze präsentiert sich auf der Scheibe?

Kunze: Einer, der ziemlich viele Änderungen auf einmal vorgenommen hat. Ich habe einen neuen Produzenten, ich habe es in einem neuen Studio gemacht und ich habe bis auf einen Mann eine neue Band. Das war schon ganz schön aufregend, ich habe ja lange Jahre mit der einen Band gearbeitet und das ist dann schon ein Sprung ins kalte Wasser. Da weiß man vorher auch nicht, wie es ausgeht.

MDR: Haben Sie mit diesen Veränderungen auch musikalisch Neuland für sich betreten?

Kunze: Ich fürchte, sobald ich den Mund aufmache, ist der rote Faden wieder da, da bin ich doch wieder zu erkennen. Aber ich glaube schon, dass die neuen Kollegen, nicht zuletzt weil sie wesentlich jünger sind als ich, musikalisch auch anders an die Sachen herangehen. Die haben nicht die gleichen Vorbilder wie ich, die sind nicht mit den Leuten der sechziger und siebziger aufgewachsen, sondern die haben vielleicht mit U2 angefangen, Musik zu hören. Und das ist schon ein Unterschied in der Spielweise und das hört man auch.

MDR: Wie ist die Grundstimmung Ihrer neuen Platte?

Kunze: Ach, ich hab immer versucht, auf jeder Platte, die ganze Welt abzubilden. Insofern sind immer alle Stimmungen drauf. Aber, wenn ich schon ein Album Rückenwind nenne, das ist doch für meine Verhältnisse ungewöhnlich optimistisch. Solche Titel ist man als Überschrift von mir eigentlich nicht gewohnt und es gibt auch einige Stücke, die diese Aufbruchsstimmung abbilden.

MDR: Welche Rolle spielen für Sie die Texte?

Kunze: Ich möchte eigentlich ohne irgendwelche Tabu-Bereiche, ohne irgendwelche Berührungsängste den Leuten auch in gesungener Form alles erzählen, was mir so einfällt. Da spreche ich auch manchmal unangenehme Dinge an, aber es gibt eben auch völlig eindeutige, klare, ohne jeden doppelten Boden auskommende Liebeslieder, wie zum Beispiel Rückenwind eines ist. Und ich hoffe, dass sich daraus ein Gesamtbild zusammensetzt, das sozusagen die Welt noch einmal erzählt.

MDR: Sie sind ein Verfechter deutscher Texte. Im Moment scheint es, dass Interpreten deutscher Texte großen Erfolg haben. Ich denke da an Die Prinzen und an Herbert Grönemeyer. Sehen Sie darin eine Trendwende hin zu mehr deutschsprachiger Musik?

Kunze: Ich hoffe, dass sich irgendwann solche Ausdrücke wie "Trendwende" in diesem Zusammenhang erübrigen und dass das einfach etwas ganz Normales wird und man gar keinen Unterschied mehr darin sieht, ob man nun anglo-amerikanische Platten hier hört oder deutsche. Ganz sind wir da aber noch nicht angekommen. Ich hoffe, dass ich das noch miterleben kann, dass dieser Punkt eines Tages kommt, dass die Leute in diesem Land einfach ein unverkrampftes Verhältnis zur eigenen Sprache haben.

MDR: Sie haben Ihre Karriere 1980 begonnen, Sie sind auf einem Nachwuchsfestival aufgetreten. Haben Sie damals daran gedacht, dass daraus einmal Ihr Beruf wird?

Kunze: Gedacht nicht, aber sicherlich gehofft. Die Startbedingungen damals waren sehr günstig. Ich habe einfach sehr viel Glück gehabt. Ich habe in einer Zeit angefangen, in der die Neue Deutsche Welle auf dem Höhepunkt war und die Plattenfirmen alles eingekauft haben, was deutsch gesungen hat und eine Gitarre halten konnte. Da wurde ich auch schwups in die Neue Deutsche Welle mit hineingesteckt, obwohl ich nur sehr bedingt hineingehört habe. Und ich habe als absoluter Niemand, kein Mensch kannte mich, einen Fünf-Jahres-Vertrag bekommen. Das muss man sich heute einmal vorstellen. Kein Kollege, der heute anfängt, bekommt einen Fünf-Jahres-Plattenvertrag. Ich hatte so lange Zeit, mich zu entwickeln, und die habe ich auch gebraucht. Ich habe der Plattenfirma erst im fünften Jahr Geld eingebracht. Danach hätte ich dann noch einmal aussteigen können und in meinen erlernten Beruf gehen, aber da ließ es sich gerade gut an. Und da war ich mir doch relativ sicher, das mache ich jetzt weiter.

MDR: Sie haben 1985, also genau fünf Jahre nach Ihrem Start, Ihre großen Hits gelandet, wie Dein ist mein ganzes Herz oder Finden sie Mabel. Die meisten Leute identifizieren Sie noch immer mit diesen Titeln. Stört Sie das?

Kunze: Nein. Man muss ja eigentlich dankbar dafür sein, wenn man ein oder mehrere Stücke hat, mit denen einen jeder identifizieren kann. Auch Leute, die nicht zu meinem Stammpublikum gehören. Wenn auch ein Mensch, der mir nur einmal zufällig begegnet ist und sich vielleicht auch nur eine Platte gekauft hat, weiß, ach, das ist der und der. Darum geht es ja letzten Endes. Denn, wehe man hätte so eine Hausnummer nicht. So ist man zumindest im Gedächtnis der Leute verankert. Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass es andere Stücke gibt, von den über 200, die ich bisher veröffentlicht habe, die mir persönlich besser gefallen. Aber ich bin diesen Liedern natürlich nicht undankbar.

MDR: Sie sind heute nicht mehr so populär wie Ende der 80er und Anfang der 90er. Würden Sie jetzt alles daran setzen, wieder so einen Hit zu landen, der dann in den Radiosendern hoch- und runtergespielt wird?

Kunze: Ach, man setzt immer alles daran. Also, man versucht das grundsätzlich. Aber man kann das nicht erzwingen und man kann das auch nicht planen. Ich habe mir, Gott sei dank, ein Stammpublikum erspielen können, das mit mir durch die Jahre geht und sich mit mir entwickelt. Es ist immer sehr erfreulich, wenn einem Hits gelingen. Es mag ja auch Kollegen geben, die das mehr oder weniger am Reißbrett entwerfen können, aber dazu gehöre ich nicht.

MDR: Sie texten, produzieren, geben Konzerte, schreiben Lyrik, übersetzen Musicals. Wie machen Sie das? Wie teilen Sie sich die Arbeit ein? Lassen Sie die Ideen auf sich einströmen und arbeiten dann oder planen Sie?

Kunze: Bei Musicals muss ich das planen. Das ist ja ein Job, der mehr so in die Richtung "geregelte Tätigkeit" geht. Da hat man Abgabetermine und die muss man einhalten. Wenn man nur für sich selber schreibt, hat man ja keinen, der einen zwingt. Da muss man sich die Ziele schon selber vorgeben oder geduldig auf Einfälle warten.

MDR: Wie erholen Sie sich von Ihrer Arbeit – treiben Sie Sport oder kochen Sie? Von Ihrem Privatleben ist eigentlich wenig bekannt.

Kunze: Da gibt es auch nicht viel zu erzählen. Mein Privatleben ist ziemlich unauffällig. Ich habe eine Familie, also eine Frau und zwei Kinder. Ich habe eigentlich keine Hobbys, die etwas anderes wären, als mich im weitesten Sinne mit Literatur und Musik zu beschäftigen. Manchmal wäre ein Hobby ganz heilsam, um mal richtig abzuschalten. Aber, das gelingt mir nicht wirklich, ich bin eigentlich immer im Dienst.

MDR: Ich habe gelesen, dass Sie die Verbindung von Politik und Musik für bedenklich halten. Sie kommen in der heutigen Zeit natürlich gar nicht drum herum, politische Statements abzugeben. Was halten Sie von dem Krieg im Irak. Was waren Ihre ersten Reaktionen, als Sie gehört haben, dass er wirklich losgegangen ist?

Kunze: Ich war sehr enttäuscht, dass die Amerikaner und Engländer doch entschieden haben, das durchzuziehen ohne Konsens mit der Weltmeinung. Dann, abgesehen von dem konkreten Elend und Leid, was das jetzt im Augenblick bedeutet, fürchte ich, dass die Schäden für die UNO unabsehbar sind. Die UNO ist in ihrer Autorität jetzt schwer angeknackst und ich weiß gar nicht, wie dieses Weltgericht, dieser Kongress der Menschheit in Zukunft weitere Alleingänge verhindern kann. Das ist der größte Folgeschaden, abgesehen von dem, was jetzt gerade da an Entsetzlichem passiert. Das war ja zu erwarten, dass das kein Spaziergang wird. Also, da muss man aus amerikanischer Sicht sehr optimistisch gewesen sein.

MDR: In Ihrem letzten Interview im"Neuen Deutschland haben Sie gesagt, dass Sie den deutschen Weg doch nicht als so gut heißen. Stimmt das?

Kunze: Ich fand ihn auf jeden Fall nicht besonders geschickt vorgetragen. Da hätte man doch von der französischen Diplomatie eine Menge lernen können. Die Deutschen neigen dazu, in solchen Fragen, ein wenig lutheranisch zu poltern. Hier stehe ich und kann nicht anders. Moral ist eine feine Sache. Das eine ist, Recht zu haben, und das andere ist, Recht zu behalten. Das kann noch sehr teuer werden für Deutschland.

Heike Möhler, mdr online, 24. März 2003

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