Cover des Buches "Nicht daß ich wüßte"

1995

Tagebucheintragung

Wir hatten uns alle geschminkt, Joe weniger, H. C. und Reinhardt dafür mehr, ich, nach dem üblichen Zögern, am meisten. Wir gingen durch den Hauptbahnhof, es war elf, ich sah mich kurz mal um, ich sah nicht richtig hin und hielt sie zuerst für Rangierer, für Lokomotivführer, dann sah ich nochmal hin und sah die Stiefel, Abzeichen, Koppelschlösser, die offenen Messer am Gürtel, sah: Es waren drei, nicht älter als achtzehn. Sie setzten sich, wir wollten zur Rolltreppe, mußten an ihnen vorbei, Reinhardt und Joe und H. C. sahen sie an, ich hatte Angst (wir waren geschminkt!) und schlich mich hinten herum, sie erhoben sich, gingen uns nach und bespuckten Reinhardt. Als der Lippenstift längst auf den Biergläsern Hamburgs klebte, saßen wir alle vor einem riesigen Spiegel, bemühten uns auszusehen wie jemand, auf den es ankäme. Joe drückte wieder und wieder dasselbe Lied in der Musicbox: JOHANNESBURG, sang Howard Carpendale, WANN WERD ICH DICH ENDLICH WIEDERSEHN, und Joe ging vor dem Lautsprecher langsam zu Boden und heulte.

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