Cover des Buches "Nicht daß ich wüßte"

1995

Homecoming

Ich versuche, die abgeschlossene Tür aus den Angeln zu heben. Dann schließe ich auf. Das ist aber auch die einzige Konzession. Ich stemme mich im engen Flur gegen die rechte Wand, versuche, und das mit den schmutzigen Straßenschuhen!, die linke Wand hinaufzulaufen. Es geht nicht, aber ich stoße wenigstens an meinen Spiegel, er fällt hin und splittert. Schön. Ich ziehe den Mantel nicht aus, ich lege den Schal nicht ab. Auch die Handschuhe behalte ich an. Dafür aber steige ich nicht nur aus den Schuhen, sondern auch aus den Strümpfen, dunstfüßig tapse ich ins Badezimmer, die Fliesen sind kalt, ich tunke den Kopf in die Wanne und muhe, ich ziehe so lange an der Klospülung, bis sie ausgepumpt ist. Dann wird mein halber Bart abrasiert, wobei ich überlege, was ich wohl anfangen könnte mit Karlas Intim-Utensilien. Wieder hinaus auf den Flur, im Vorbeigehen ein Klimmzug an der Garderobe, sie bricht aus der Wand, ich falle pausbäckig prustend aufs Gesäß. Das Wohnzimmer: leer. Sie ist in der Küche. Ich schmeiße Buch um Buch die deutsche Nachkriegsliteratur gegen die Tür. Sie öffnet, staunt und schreit, schon bin ich bei ihr, mein Schal ist ein mächtiger Knebel, und nicht nur das, ich kann sie damit auch noch fesseln. Ihr Wimmern ist unerfreulich. Ich stürze hinüber in mein Arbeitszimmer, drehe die Heizung bis zum Anschlag auf und werfe die elektrische Schreibmaschine an, obwohl ich gar nicht schreiben will! Aber sie wummert so schön. Ich setze mich ans Klavier, halt, ich reiße erst noch das Fenster auf, ich will den ganzen Dezember heizen, dann spiele ich meine Freejazz-Chansons, im Mantel, mit Handschuhen, nicht gerade sehr sauber, aber spontan, singe, mein Gott, mein Vater sah immer den Sänger in seinem Sohn, irgendwie hat sich Karla befreit, ich höre sie flüchten, die Wohnungstür knallt, so langsam komme ich ins Schwitzen, es klopft? Herein, wenn's kein Dezember ist.

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