Cover des Buches "Nicht daß ich wüßte"

1995

Also doch

Also doch. Schon lange, seit einem Jahr schon sag ich's, nein, noch länger, und keiner hat mir glauben wollen. Kein Zweifel. Kein Wenn und Aber im Befund, eine Handvoll knapper Sätze, sie gehen davon aus, es sei besser, ich wüßte Bescheid, sie wollen mir nichts vormachen, ich sei schließlich ein mündiger Mensch, der das Recht habe, geradezu die Pflicht, die Dinge so zu sehen, wie sie sind. Ich solle den Tatsachen ins Auge sehen. Der Chefarzt sah beim Gespräch zu Boden. Es komme jetzt ganz auf mich an, meine Mithilfe, Mitarbeit, ich sei doch ein Kämpfer, das sei doch bekannt. Bäum dich, sagten seine Blicke, bring's zur Entscheidung, so oder so, wir brauchen dein Bett. Raus, sagte ich, brüllte: RAUS!, flüsterte: Bitte. Also doch. Recht behalten. Ich kannte mich immer gut aus in mir, hatte mich immer im Griff, wußte auch diesmal von Anfang an, wen ich da beherge. Im innersten Gelaß. Die Erbanlagen. Die Umstände. Lieber Gott, mach mich fromm, daß ich in den Himmel komm. Bleib liegen. Spring nicht aus dem Fenster. Ramm dir auch nicht den Schädel ein an der geweißten Zimmerwand unterm Marienbild. Boethius lesen, bis die Augen schmerzen (und das geht schnell), weiterbuchstabieren, weiter. Also doch. Männer und Frauen im fraglichen Alter, einmal im Jahr von Kopf bis Fuß, das war mir bekannt, das steht ja überall zu lesen. Ich habe das fragliche Alter noch längst nicht erreicht. Warum ich. Warum nicht ich. BEI FICHTE SETZT SICH DAS ICH ALS ICH AUTONOM, DAS NICHT-ICH, DIE WIRKLICHKEIT, BLEIBT UNTERWORFEN DER KOMPETENZ DES ICH, DAS ICH ALS SELBST IST ALLEIN UND FREI. Wenn Fälle wie ich meinem Freund, einem lustigen Arzt, begegnen, pflegt er zu sagen: Junge, nimm fünfzigtausend Mark, laß alles stehn und liegen, flieg nach Tahiti, leg dein Ohr auf dunkelbraune Frauenbäuche. Ich habe ihn nicht konsultiert. Ich habe keine fünfzigtausend Mark. Kann kaum diese desinfizierte Folter hier zahlen. Nach der Einlieferung gleich operiert, Atempause, die Tage im Halbschlafschweif der Narkose, weitere Metzeleien, Lichtbäder unter giftigen Sonnen, alles zu meinem Besten, die Therapie habe während der letzten Jahre riesige Fortschritte vorweisen können, überhaupt lasse sich jetzt schon mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen, in fünf Jahren, maximal zehn, habe man alles unter Kontrolle. Doch, auch ich dürfe hoffen, Hoffnung gebe es immer, man habe damit nicht sagen wollen, nicht wahr, das wolle man klarstellen, sicher werde es hart, Glück braucht man überall, jedenfalls hätten sie für den Moment alles getan, sie böten mir nunmehr an, mich zu entlassen (natürlich nur, wenn es mir recht sei), sie könnten hier, für den Moment, wirklich nichts weiter ausrichten, nichts gehe schließlich über Zuhause, ich solle es mir in aller Ruhe durch den Kopf gehen lassen, ich käme dann sicher selbst zu dem Ergebnis, im Kreise meiner Lieben viel leichter weiterarbeiten zu können an mir, eine weitere Operation werde nicht erfolgen. Ich werde heimgehen zu meiner Frau, die mich seit Monaten nur noch mit Autounfallaugen ansieht, Frontalzusammenstoßaugen, zu meinem Sohn, der noch nicht sprechen kann, der mich nur aus Erzählungen kennen wird, aus Ahnungsfilmen, nie mehr von Worten belichtbar, zu meinem Sohn der seinerseits unbesorgt krank werden kann, in fünf Jahren, maximal zehn. Ich werde Briefe schreiben, meine Eltern empfangen und berichten wie von der Front. Und nachts, wenn es schlimm wird, werde ich aufstehen und ins Wohnzimmer taumeln. Ich werde mir ein Taschentuch in den Mund stopfen, mich krümmen auf dem Teppich und kreischen.

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