Cover des Live-Albums "Die Städte sehen aus wie schlafende Hunde"

1984

Text Heinz Rudolf Kunze
Verlag Oktave Musikverlag

"Abendprogramm" ist ebenfalls auf folgendem Album erschienen:

Cover des Albums "Der schwere Mut & Die Städte sehen aus wie schlafende Hunde" Deluxe Edition Der schwere Mut & Die Städte sehen aus wie schlafende Hunde
Deluxe Edition

Der Text zu "Abendprogramm" ist ebenfalls in folgendem Buch erschienen:

Cover des Buches "Papierkrieg" Papierkrieg

Abendprogramm

Dioxin! schrie der Quizmaster und fiel dem Kanditaten um den Hals. Das Wetterleuchten rings um die Halle signalisierte 100 Punkte. Aus dem rechten Auge der Assistentin sickerte eine grünliche Flüssigkeit. In der Applausmaschine fiel der rechte Kanal aus. Man blendete sofort in den nächsten Show-Block über. Eine Dame, die man üblicherweise als Nachrichtensprecherin kannte, saß in einem verblüffend echt nachgestellten Nachrichtenstudio und verlas verblüffend echt nachgestellte Nachrichten. Kaum hatte sie das Wort "Bonn" ausgesprochen, mußte sie so lachen, daß sie nicht mehr weiterlesen konnte. Dioxin! brüllte der Quizmaster, um diesen peinlichen Zwischenfall zu überbrücken, und begann einen verzweifelten Step-Tanz. Hinter ihm formierte sich wie auf Bestellung ein Halbkreis aus nackten Ballett-Girls. Jedes von ihnen trug eine abgestorbene Jungtanne vor sich her, und zwar so raffiniert, daß Baumgrenze und Schamgrenze ein ausgeklügeltes Arrangement bildeten. Währenddessen saß der Fernsehpfarrer bibbernd in einem Nebenraum und übte sein Wort zum Sonntag. Wir sind das Abendprogramm Gottes, wollte er sagen, und gleich ist Sendeschluß. Gott ist längst dazu übergegangen, uns auf Video aufzuzeichnen, wollte er sagen, und jeder könne sich wohl ausrechnen, was das zu bedeuten habe. Dabei wußte er genau, daß er wieder nichts dergleichen sagen würde. Mit einem Auge beobachtete er die nackten Ballet-Girls auf einem Monitor, den ihm der Aufnahmeleiter freundlicherweise zu Verfügung gestellt hatte. Dioxin! kreischte der Quizmaster, wobei er einem Ballet-Häschen augenzwinkernd in die Falte griff. Aus der Applausmaschine hörte man so etwas wie einen Furz. Der Aufnahmeleiter stand pflichtvergessen am Ausgang der Halle, betrachtete das Wetterleuchten, das allmählich die grünliche Färbung des Auges der Assistentin annahm, entblößte den Oberkörper und genoß mit geschlossenen Augen, wie ihm der Regen die Haut zerbiß. Er streichelte gedankenverloren seine Brustwarzen und wünschte sich, eine Frau zu sein. Hinten am Horizont trieben siebzig berittene Polizisten fünf Arbeitslose in eine Betonmischmaschine. Dioxin, flüsterte der Quizmaster und zog sich, während schon Abspann und Schlußmusik einsetzten, nackt aus. Dann bespeichelte er seine Handflächen und roch daran. Langsam sank die Einschaltquote, so langsam wie ein erschossener Afghane, der in einem außer Landes geschmuggelten englischen Dokumentarfilm in Zeitlupe zu Boden geht, mit zum Himmel verdrehten Augen, die wissen, daß nun alles gut wird.

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