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Rowohlt Verlag
Reinbek, 1985
ISBN 3-499-15602-4

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Briefwechsel

Berlin, 23. Februar 1983

Lieber Heinz Rudolf,
Deine LP Der schwere Mut zu verkraften, ist schwere Arbeit. Vivi Eickelberg rief mich heute an, um mich auf die Platte aufmerksam zu machen, die ich gerade gestern abend komplett und intensiv angehört hatte. Ich stehe ihr sehr kritisch gegenüber. Du weißt, wie sehr ich Deine Intelligenz und Dein Talent bewundere, weshalb Du immer auf meinen Zuspruch, aber auch auf meine ehrliche Meinung rechnen kannst. Ich mag mich irren, weil ich einer älteren Generation als jener angehöre, die jetzt und demnächst die populäre Musik bestimmen wird. Ich glaube aber, daß es für das Machen von Songs Modelle und Maßstäbe gibt, die von Moden unabhängig sind. Zu ihrem Kern gehörten immer Bildhaftigkeit und Sinnlichkeit. Auch bei schwierigen Texten von Cole Porter, Frank Zappa, Bob Dylan oder Randy Newman ist es immer die Reduzierung der Story auf das Wesentliche, die den Song einem Archetypus in unserem Denken oder Fühlen nahebringt. Einen Ansatz dazu fand ich beispielsweise in Deinem Lied Regen in Berlin. Ich hätte mir gewünscht, daß Du auf dem Weg der Vereinfachung Deiner Gedanken beim Liedermachen weitergehen würdest. Stattdessen empfinde ich den «Schweren Mut» nicht als Lyrik, sondern als Prosa, bei der ein Gedanke dem anderen, ein Bild dem anderen auf den Füßen steht. Auch die Musik empfinde ich als dem freien Fluß der Gedanken entsprechend, nämlich als unstrukturiert im Sinne griffiger und erinnerungsfähiger Melodien. Es ist oft so in unserem Gewerbe, daß auf eine erste, vielversprechende LP keine zweite, weiterführende folgt, sondern ein Remake der ersten oder gar ein Rückschritt. Das bedeutet wenig für den Weg eines Künstlers. Aber irgendwann muß jeder Künstler seine zweite Platte machen. Es wäre gut, wenn schon Deine vierte die zweite sein könnte. Von der Hülle gefällt mir übrigens nur die Rückseite. Die Frontseite ist in ihrer Schwarzweiß-Gestaltung zu schwer, zu statisch, zu unattraktiv für die Auslage im Plattengeschäft. Nichts für ungut. Vivi sagte mir, Du kämst zwischen dem 1. und 20. März wieder nach Berlin. Kathrin und ich freuen uns, Dich zu sehen.

 

Osnabrück, 26. Februar 1983

Lieber Sigi,
herzlichen Dank für Deinen Brief. Du bist nach wie vor der einzige Freund aus den Medien, der sich die Mühe macht, umgehend und ausführlich auf neue Dinge von mir zu reagieren. Normalerweise sind die Rauchzeichen undeutlicher. Vivi hat mich mit Deiner Analyse schon vorab vertraut gemacht, darum hat sie mich nicht umgehauen – aber getroffen dann natürlich doch. Vielleicht ist es jetzt das, was das Wort «Erwachsenwerden» etwas ungenau ausdrückt: daß man das Urteil eines Menschen, den man sehr schätzt und für ausgewiesenermaßen kompetent hält, in vollem Umfang zur Kenntnis nimmt, auszuhalten versucht und dann aber doch, nach ehrlicher Selbstprüfung im Hinblick auf ungerechtfertigte Eitelkeiten und Überempfindlichkeiten, nicht so stehen läßt: für sich selber. Nicht schuldig, lieber Sigi... Okay, es gibt Nummern, wo's grübelt: der «Schwere Mut» sicherlich, auch «Man kann doch zu sich stehen wie man will». Aber ich bin nun mal nicht unter der amerikanischen Sonne der Lakonie großgeworden, sondern unter der deutschen Abendland-Käseglocke. Und dazu muß man sich doch wohl, zumindest in einigen Liedern, irgendwie verhalten. Und es gibt Nummern, wo die Bilder nicht ruhig aufeinanderfolgen, sondern in der Tat übereinanderherstürzen. Aber kann man das denn nicht als ein bewußtes kompositorisches Blick-Mittel akzeptieren?... Ohne Zweifel gibt es fürs Songschreiben Modelle und Maßstäbe. Ohne Zweifel treiben aber all diese Modelle und Maßstäbe im Lauf der Zeit unweigerlich auf einen Punkt zu, wo ihr Weltverarbeitungsapparat den Stand der Dinge nicht mehr adäquat erfassen kann, wo neue Modelle her müssen, wo die alten nur noch in (wehmütiger) Sprengung und Brechung taugen. Wie heißt es doch bei Umberto Eco: Wenn die Welt keine erkennbare Ordnung mehr hat, dann hat es auch keinen Sinn mehr, eine literarische Ordnung vorzuspiegeln. Daher mein eher klinischer Umgang mit Melodie und Rhythmus. Du weißt aus Deiner langen Erfahrung sicher genau, wie man solche aufbrausenden Musikerreaktionen zu lesen hat. Es liegt mir fern, an Deiner Einschätzung herumzukritteln, ich wollte nur halt was loswerden. Grüß Kathrin schön, und wenn ich in Berlin bin, hast Du die Wahl der Waffen: Whisky oder Cognac oder so. Mach's gut, und schone mich nie!

Selbstredend

Interview-Porträts von Kathrin Brigl und Siegfried Schmidt-Joos

Noch hab' ich mich an nichts gewöhnt

Heinz Rudolf Kunze wurde am 30. November 1956 im Flüchtlingslager Espelkamp geboren. Seine Eltern, beide Lehrer, stammten aus Frankfurt/Oder; Osnabrück wurde ihre neue, bundesdeutsche Heimatstadt. Als Kunze 1980 die Musikszene betrat, indem er beim Nachwuchsfestival der Deutschen Phono-Akademie in Würzburg den ersten Preis in der Sparte Liedermacher gewann, empfanden Journalisten seine Erscheinung mit Brille, kurzgeschnittenem Haar, Anzug mit Krawatte und Oberhemd als ebenso aus dem Rockrahmen fallend wie seine Darbietung. Er wirke, so die «Frankfurter Allgemeine Zeitung», «wie eine Inkarnation jener Normalität, auf die er in Liedern Anschläge verübt». Er sehe aus, so die «Frankfurter Rundschau», «wie ein Bankier aus dem mittleren Management, der nach einer durchsoffenen Nacht morgens in die falschen Schuhe gesprungen ist». Tatsächlich waren bis dahin alle Weichen in der Biographie dieses Künstlers auf eine kleinbürgerliche Existenz als Gymnasiallehrer gestellt. Er war immer Primus gewesen, studierte in Münster und Osnabrück Germanistik und Philosophie, erwarb die Befähigung für das höhere Lehramt und strich für seine frühen literarischen Arbeiten 1978 sogar einen von seiner Heimatstadt Osnabrück gestifteten Förderpreis ein. Weitere Auszeichnungen folgten: 1981 der von Konstantin Wecker initiierte Kleinkunstpreis «Berliner Wecker» sowie der «Willy-Dehmel-Preis» im Rahmen des SWF-Liederfestivals; 1983 der Deutsche Schallplattenpreis für das Album Eine Form von Gewalt; 1984 das Niedersächsische Künstlerstipendium des Ministers für Wissenschaft und Kunst. Die Tageszeitung «Die Welt» urteilte daraufhin, er sei «ein Senkrechtstarter der an Talenten nicht eben übersatten deutschen Liedermacher- und Chansonnier-Szene, ein Preiseschießer ohnegleichen». Bei seinem ersten wesentlichen Fernsehauftritt 1981, bezeichnenderweise in der Sendung «Litera-Tour», debütierte er mit dem Song Noch hab' ich mich an nichts gewöhnt. Dieser Slogan ist auch nach fünf Langspielplatten, darunter ein Live-Doppelalbum, noch zutreffend. Der «Niedermacher», wie er anläßlich seiner ersten LP Reine Nervensache von seiner Plattenfirma genannt wurde, hat sich (um mit seinen LP-Titeln zu reden) mit «schwerem Mut» jeder «Form von Gewalt» widersetzt und sich seinen eigenen «Ausnahmezustand» auf der deutschsprachigen Songszene erhalten. Seine Texte, die in der sorgfältigen Edition Deutsche Wertarbeit auch im Verlag Zweitausendeins vorgelegt worden sind, beruhen oft auf Alltagsbeobachtungen, die er scharfzüngig und sarkastisch überpointiert. Er liebt Rollensongs, schlüpft in die Haut anderer Figuren, entlarvt beispielhaft Denk- und Verhaltensweisen, neigt aber auch dazu, seine Songs mit Bildern und Metaphern zu überfrachten. In seiner Entwicklung ist die Tendenz zu einfacheren, liedhafteren Formen spürbar. Kunze überwindet zunehmend seinen anfänglichen Hang zum gesungenen Prosatext. Bezeichnend in diesem Zusammenhang ist die Wahl des einstigen «Kinks»-Hits Lola für die treffsichere Schilderung einer abstrus zweideutigen Sexbegegnung in Dortmund-Nord. Kritiker Peter Kleiss: «Meist rutschen solche Adaptionen ins Klischee-Schlagerhafte ab. Nicht so bei Kunze. Seine Lola hat wesentlich mehr Witz als das Original.» Kritiker Hans-Hugo Schildberg: «Kunze verbreitet keine Weisheiten, keine oberlehrerhaften Warnungen; er beschreibt in trockenem, kaum betontem Sprechgesang Bilder dieser Welt.»

Erstes Gespräch: November 1981, nachmittags

Da sitzt mir in Berlin einer gegenüber, noch nicht ganz 25 Jahre alt, ein Mann – und das genieße ich im Moment –, der in den Startlöchern steht. Die Branche hat ihn sich auf dem Pop-Nachwuchsfestival 1980 der Phono-Akademie als Gewinner erkoren. Die Leute – sprich: das Publikum – wissen noch nicht so ganz, wer das ist, Heinz Rudolf Kunze. In einem Lied begegnen Sie sich selbst. Wissen Sie ganz genau, wer Sie sind?

Ich versuche, mich und mein Privatleben nach Kräften herauszuhalten aus Stücken, weil ich nicht in einem ersten Anlauf privat sein will, sondern nur in einem zweiten. Ich möchte das, was ich an Privatem durchkommen zu lassen gedenke in Liedern, erst mal daraufhin filtern, ob es eine Erfahrung ausdrückt und transportiert, die als Subjektivität allgemein verbindlich sein kann. Meine Schwierigkeiten mit mir selbst, wer ich denn sein mag, sollen sich nicht unmittelbar niederschlagen in Musik und Text, sondern nur vermittelt durch Form. Aber freilich weiß ich nicht, wer ich bin, sonst wäre ich wahrscheinlich in meiner einmal angesteuerten Laufbahn, in meiner bürgerlichen Laufbahn geblieben.

Das Stichwort bürgerlich nehme ich sehr gern auf. Die Leute, die Kritiker, die Journalisten, die Sie bereits wahrgenommen haben, beschreiben Sie als jemand, der von der Optik her den Eindruck eines preußisch-bürgerlichen Menschen macht, eines Mannes, den man, wenn man ihn zum erstenmal sieht, als Klassenprimus bezeichnen könnte, als einen Streber mit der korrekten Brille und dem korrekten Haarschnitt. Dahinter, und das scheint der Reiz zu sein, verbirgt sich doch wohl ganz jemand anderes.

Über diese optischen Einordnungen war ich eigentlich immer sehr erstaunt, weil es doch seit drei, vier Jahren im Erscheinungsbild von Musikern aus dem Pop-Rock-Bereich viele gibt, die sehr gut getarnt wirken. Es gibt doch eine ganze Menge New-Wave-Leute, die eigentlich sehr brav aussehen. Es stimmt, daß ich einen sehr biederen Lebensgang hinter mir hatte, und daß ich mich erst vor relativ kurzer Zeit entschlossen habe, das, was ich jetzt mache, konsequent und auch berufsmäßig zu tun. Es kommt allerdings sehr schnell der Punkt, wo man ein bißchen verstört und verärgert drüber wird, daß Leute sich immer wieder festkrallen an diesen äußerlichen Dingen, die oft das Gespräch über die Inhalte regelrecht blockieren.

Woher kommen Sie? Sie sprechen von einer gutbürgerlichen Entwicklung, die auch damit zu tun hat, daß Sie studiert haben. Sie sind inzwischen lehramtsfähig, also Sie könnten am Gymnasium unterrichten.

Ich bin geboren in einem Flüchtlingslager in Espelkamp. Meine Eltern und meine gesamte Sippe stammen zur Hälfte aus Berlin-Ost, zur anderen Hälfte von noch weiter östlich, aus Wilhelm-Pieck-Stadt, wie es heute heißt. Ich bin dann in der Bundesrepublik sehr oft umgezogen und habe dann genau das gemacht und bin genau das gewesen, was man mir äußerlich jetzt so gern zuschreibt. Ich habe eben diese Rolle des Klassenprimus bis zur Neige auskosten müssen. Ich bin das gewesen. Ich bin nicht dazu gezwungen worden.

Sie haben Ihr Staatsexamen, so wie es sich für einen Klassenprimus gehört, mit Eins bestanden, wenn ich die Biographie richtig gelesen habe. Das heißt, wieder mal an erster Stelle. Und jetzt sind Sie in diese Karriere geschmissen worden, sicher auch durch eigenes Zutun, klar, aber auch mit dem Glück, daß die Branche sagt: Okay, auf diesen Mann setzen wir. Welche Ziele haben Sie? Ist die Nummer eins jetzt für Sie immer noch wichtig?

Selbstverständlich. Ich habe mir vorgenommen, innerhalb der Zeit, des Spielraums, der mir gelassen wird von meinem Vertrag, soviel und so intensives Material wie möglich herauszulassen. Ich hoffe, daß das ein Material ist, das irgendwie an der Zeit ist und für das Leute da sind. Ich freue mich zur Zeit noch über jeden, der meint, daß es ihn angeht.

Sie sind noch nicht ganz vorbereitet darauf, wie das Publikum auf die Inhalte Ihrer Lieder reagieren wird?

Nein, das ist richtig, das wird sehr spannend. Ich habe mich öfter gefragt, was das für Leute sind, die kommen wollen, was das für Leute sind, die meine Platte erworben haben, jetzt zu Hause damit umgehen und sie wiederum anderen vorspielen, vermute ich. Ich habe den Herman van Veen mal gefragt, wie er sich das vorstellt in meiner Situation, wie ich da verfahren sollte. Er hat mir den Rat gegeben: Frag sie doch einfach. – Vielleicht mache ich das.

Bisher haben Sie nur Ihre Freunde gefragt, bald werden Sie Ihr Publikum fragen können. Ich nehme an, Ihre Konzerte werden vielleicht nicht so geleckt ablaufen wie die von anderen Künstlern, die nur auf die Bühne gehen und dann wieder von der Bühne abgehen, oder?

Ich habe Vergleichsmöglichkeiten eigentlich nur im Umgang mit englischen oder amerikanischen Gruppen, die ich als Zuschauer besuche. Ich habe sehr wenig deutschsprachiges Material auf der Bühne gesehen. Ich weiß also aus eigener Anschauung nicht, wie ein Danzer oder ein Wecker oder ein Hirsch sein Publikum behandelt, was da geplant und geölt und was spontan ist. Ich kann es mir nicht erlauben, das zu sagen. Alles, was ich da gesehen habe in dieser Richtung, ist mal vor Jahren ein Klaus Hoffmann-Auftritt gewesen. Der war sehr perfekt, da waren auch die Fills zwischen den Nummern mit vorher präparierten Gedichten gefüllt. Das ist ein Mittel, zu dem ich zum Teil auch greifen werde. Ich werde also auch Sachen sprechen zwischen den Nummern. Wie wir das technisch konkret lösen, damit ein Auftritt eine Einheit wird und nicht in peinlichen Instrumentenbeschaffungsdetails auseinanderfällt, das werden wir noch sehen müssen.

Sie haben also nicht beobachtet, was an Kollegen auf der deutschen Szene sich wie verhält, sondern halten Sie sich mit Absicht unschuldig? Oder interessieren Sie die anderen Interpreten Ihres Genres nicht?

Offen gestanden, sie interessieren mich nicht sehr. Ich kenne das Material anderer deutscher Sänger hauptsächlich aus dem, was ich beiläufig in Radio und Fernsehen mitbekommen habe. Und es gibt nur ganz wenig deutschsprachige Dinge, die ich Lust hätte, zweimal zu hören, Tommy Bayer gehört dazu. Aber viele von den Großen lassen mich ziemlich kalt. Ich will das nicht abwerten, das mag die Geschichte von anderen Leuten sein – meine ist es nicht. Ich fühle mich eher Redeweisen und Denkweisen in Songs verpflichtet, die ich bis jetzt immer noch stärker in England und Amerika eingelöst finde als hier.

Es gibt ein paar voreilige Journalisten, die Sie mit dem bösen, kritischen Randy Newman vergleichen. Würden Sie diesen Vergleich freudig annehmen?

Man kann sicherlich mit unpassenderen Leuten verglichen werden. Mit Randy Newman verglichen zu werden, steht keinem schlecht an. Ich hoffe, daß ich von ihm gelernt habe, Jargons zu vermeiden, daß ich meine Sprache weit offenhalte, damit nicht nur irgendeine bestimmte Szene sich in sie einklinkt und auf bestimmte Formulierungen abfährt. Ich will das möglichst offenhalten, was ich sage. Und ich hoffe, von ihm gelernt zu haben, mich und meine penetrante, persönliche, langweilige Wertung rauszuhalten aus Songs. Ich hasse Songs, die am Ende unbedingt meinen, dem Zuhörer eine persönliche Stellungnahme, eine Aufforderung und einen Zeigefinger des Autors zumuten zu müssen.

Das macht meistens die Beobachtungen, die vorher angesammelt wurden in den Songs, kaputt, entwertet sie. Sie würden viel stärker wirken, wenn sie für sich selbst sprechen dürften. Das hoffe ich von Leuten wie Newman begriffen zu haben.

Das Interessanteste an diesem Gespräch für mich ist unter anderem – das mag sehr egoistisch klingen, aber Sie werden es möglicherweise verstehen – jemanden, dessen Material man sehr schätzt, mit dem man gerade konfrontiert worden ist, von dem man glaubt, daß er eine große und echte Chance hat, sozusagen in einer Trockenschwimmphase zu erleben. Das heißt, alles, was auf Sie zukommt, ist im Moment nicht berechenbar. Was erwarten Sie?

Ich erwarte eigentlich für die konkreten Vorhaben der nächsten überschaubaren Monate nur, daß ich im Fall der Tour zusammen mit den vier Musikern und den zwei Technikern, die mitreisen, das Beste gebe. Und das bedeutet für mich, daß ich versuche, alle Clubs, Räume, Säle irgendwie zu konfrontieren mit dem, was ich mache und hoffentlich zu überzeugen. Egal, ob die Säle voll, halbvoll oder viertelvoll sind. Ich glaube, daß ich dazu imstande bin, weil ich jetzt ein starkes Bedürfnis habe, live zu spielen. Ich bin ein vorsichtiger, ein eher defensiver Mensch und möchte nicht durch überspannte Erwartungen auf die Nase fallen. Ich habe schon begriffen im Umgang mit Branchenmenschen, speziell mit den Menschen der Plattenindustrie, daß man das filtern muß, was sie sagen. Das heißt, viel Gutgemeintes von dem, was man hört, ist zu euphorisch vorgetragen. Das mag daran liegen, daß man sich da schnell einschwört auf einen sehr feiernden Tonfall, daß man alle Dinge, die sich ereignen, gleich besonders herausheben will. Ich muß also das, was ich da zu hören bekomme über die möglichen Erfolgsaussichten der Tour und der Platten und so weiter immer mal ein bißchen sinken lassen und dann daraus das entnehmen, was ich für realisierbar halte.

Sie kommen aus Osnabrück und bleiben da auch, wie ich Sie verstanden habe. Gibt es dafür, außer privaten, auch noch andere Gründe?

Ich glaube, daß man nirgendwo hingehen kann in diesem Land und da a priori mehr Stoff vorfinden würde als gerade in Osnabrück, einer recht interessanten Stadt – so wie jede Stadt interessant sein kann, wenn man genau hinsieht. Osnabrück ist eine sehr, sehr durchschnittliche Stadt. Man trifft da richtig lebendige Menschen; Menschen, die arbeiten und die sich abends verbiestern und zurückziehen in ihre Häuser. Und wenn man da irgendwie rankommt, weil man lange da gelebt hat, hört man viele Dinge, für die man in großen Städten lange suchen müßte, glaube ich.

Sie sagen da etwas sehr Merkwürdiges, vielleicht für Sie absolut Stimmiges. Das, was die anderen Leute von außen sehen, daß Sie so durchschnittlich aussehen, scheinbar, und dahinter ganz jemand anderes steckt, scheint ein wenig deckungsgleich mit dem zu sein, was Sie über Osnabrück sagen.

Wie gesagt, Osnabrück ist nicht nur durchschnittlich, sondern – wie es sich selbst stolz nennt – die durchschnittlichste Stadt Deutschlands. Das ist wirklich wahr. Es ist die Stadt mit den meisten statistischen Mittelwerten aller deutschen Städte. Auf Briefköpfen heißt das dann gern: Stadt der goldenen Mitte. Und was man da antrifft, ist – von der Sozialstruktur her, oder wie immer man das mit schönen Begriffen nennen will – ein sehr interessantes Spiegelbild der bundesdeutschen Wirklichkeit. Es ist eine Stadt, in der man ruhig leben kann, in der man nachdenken kann. Und ich glaube, daß ich ziemlich verwundbar wäre für die Einflüsse und Reize, die von einer Großstadt ausgehen.

Ich habe zum Beispiel überhaupt keine Ahnung von Filmen, und ich vermute, wenn ich nach Hamburg oder Berlin ziehen würde, wäre ich jeden Abend im Kino. Das kann und will ich nicht.

Ihre Platte heißt Reine Nervensache. Davon reden wir eigentlich gerade, unausgesprochen. Ihre Nerven sind nicht sehr strapazierfähig, wenn ich Sie richtig verstehe?

Ich habe wenig Übung darin, sie zu strapazieren. Ich habe bis jetzt eigentlich sehr zurückgezogen gelebt. Das ist übrigens ein Grund, warum mir das Herumzigeunern zur Zeit noch nicht allzuviel ausmacht. Ich habe da viel nachzuholen. Meine Freundschaften habe ich noch retten und halten können, Freundschaften mit Leuten, die ganz andere Dinge tun und die mir in dieser Hinsicht weiterhelfen. Ich bin verheiratet mit einer Frau, die zum Glück auch gar nichts mit Musik zu tun hat, mit der ich nicht unbedingt als erster Person über musikalische Dinge rede. Sie schaltet sich relativ spät ein in das, was ich mache, das finde ich gut. Ich schreibe, wenn ich mich über Beziehungsdinge verbreite, sehr oft böse Texte, und es mag durchaus sein, daß da das alte literarische Phänomen eine Rolle spielt, daß man bestimmte Dinge in dieser Form austrägt, um sie sich im Leben zu ersparen. Diese bekannte Sache: der Selbstmord Werthers, damit Goethe es nicht tun mußte.

Sie haben in den Raum gestellt, Herr Kunze, daß man möglicherweise theoretisch menschliche Erfahrung ausgleichen kann durch Lyrik. Es gibt ein paar Menschen, die möglicherweise für Sie eine größere Bedeutung haben, als ich im Moment ahnen kann. Dazu gehören Bob Dylan, Randy Newman, Jim Morrison, alles Leute, die sich in die Praxis geschmissen haben bis zum Wehtun. Glauben Sie, daß Sie es schaffen werden, bis zur großen Verletzlichkeit sich in diesen Beruf hineinzuschmeißen?

Dem Herrn Newman fühle ich mich zum Beispiel irgendwo verwandt, wenn es stimmt, was man über ihn in englischen Musikzeitungen lesen kann: daß er im Grunde genommen auch ein relativ zurückgezogener Mensch ist. Er hat von sich selbst den Mythos verbreitet, daß er sich gern für halbe Jahre in seiner Wohnung versperrt und nichts tut, als Fernsehen gucken und mit seinen Kindern spielen.

Dylan und Morrison sind natürlich andere Geschichten, klar. Ja, was spielten diese Leute für mich für eine Rolle? Sie spielten eine Rolle, die mittlerweile in Büchern häufig zum Anlaß der Reflexion genommen wird. Mittlere Großstadt oder große Kleinstadt, lange Wochenenden, auch langweilige Wochenenden und dann diese Musiksignale aus einem anderen Teil der Welt, die einem Mut gemacht haben und die einem irgendwie zugefunkt haben, es gibt noch eine andere Daseinsform. Und in diese Daseinsform kannst auch du hinein. Das ist die Botschaft, die ich jedenfalls da immer herausgehört habe. Das Signal, das dann so Ende der Siebziger verlorenzugehen drohte, als die Musik immer komplizierter wurde, und die dann mit dem Punk wiederkam, ständig die Aufforderung, in allem, was gesagt, gedacht und gespielt wurde: Mach's auch, hör nicht nur zu, mach's auch. Das war die erste und unmittelbarste Wirkung.

Zum anderen will ich gar nicht leugnen, daß Literatur, vermittelt durch Rockmusik, also durch die poetischen Bemühungen eines Morrison, eines Dylan, auf mich vielleicht einen stärkeren, sinnlich unmittelbareren Eindruck gemacht hat als Hölderlin-Gedichte. Nichts gegen Hölderlin-Gedichte, aber da bin ich wohl doch ein ziemlich normales Kind dieser Zivilisation – das ging mir mehr unter die Haut, was ich da aus Amerika und England aufgenommen habe. Das hat mir Mut gemacht, selbst zu versuchen, Texte zu schreiben. Ich glaube, das ist der Hauptimpuls, der mich mit diesen Leuten verbindet. Es ist weniger, daß ich versuche, formal oder inhaltlich etwas zu übernehmen von deren Lebens- und Denkumständen. Es ist mehr eine Art Haltung, die ich glaube, dem entnehmen zu können, was die machen, die für mich Wirkung gezeigt hat.

Nachts

Dieses ist der zweite Teil des Interviews mit Heinz Rudolf Kunze. Zwei Interviews, stattgefunden an einem Tag. Begonnen haben wir vor fünf Stunden, da habe ich Sie noch gesiezt und habe Sie Herr Kunze genannt. Sie saßen mir gegenüber, korrekt gekleidet mit einer Krawatte, und ich wußte von Ihnen nur das, was ich von der Platte Reine Nervensache gehört hatte, und das, was ich von Ihnen von einigen Auftritten im Fernsehen gesehen hatte. Inzwischen ist etwas passiert; Sie haben zusammen mit Ihrem Partner Mick Franke im Folk Pub in Berlin ein Konzert gegeben. Anderthalb Jahre haben Sie überhaupt nicht auf einer Bühne gesungen. Und jetzt, ehrlich gesagt, möchte ich Heinz sagen und du, ist das okay? Ich möchte du sagen, denn du bist mir nahegekommen durch dieses Konzert. Ich habe dich auf der Bühne gesehen, und das, was sich mir da vermittelt – musikalisch, textlich, menschlich –, ist viel wärmer und näher als das, was von der Platte kam, was mich immerhin schon sehr beeindruckt hat. Aber dieser Abend bedeutet dir, glaube ich, kurz vor deiner ersten Tournee, eine ganze Menge.

Man muß sich jetzt sehr hüten, daß man nicht kitschige Vokabeln benutzt. Aber es hat mir wirklich unglaublich gefallen, was sich heute abend ereignet hat. Ich hätte nie zu hoffen gewagt, daß dieses sehr provisorische Konzert, das wir hier gemacht haben, einen solchen Ausgang nimmt. Denn immer, wenn nur der Mick und ich auftreten, zu zweit, sind wir ja in der Situation, daß wir unser Material umrüsten müssen – von fünf Leuten, für das es eigentlich geplant ist, auf zwei. Und ich habe einen Club angetroffen, der mir selten aufmerksam zugehört hat. Es ist so gelaufen, daß ich jetzt ein bißchen taumele und eigentlich keinerlei Befürchtungen für die kommende Tour mehr habe.

Du stehst jetzt in den Startlöchern zu einer, wie ich glaube, großen Karriere. "Was passieren wird, steht in den Sternen. Eins ist für mich klar: Lehrer wirst du nie sein.

Ich hoffe, daß du recht hast. Ich habe dieses Leben als Lehrer ja ausprobiert. Ich habe das ja alles durchgemacht und meine Prüfungen ordnungsgemäß zu Ende gebracht. Und habe schon gesehen, daß ich vermutlich irgendwie über die Runden kommen würde in dieser Existenz. Irgendwie könnte ich das einrichten für mich. Aber das, was ich mir wünsche, ist es sicherlich nicht. Und wenn sich ein Leben so bestreiten läßt, daß ich mich mitteile, dann lieber so.

Es gibt ein Lied, das du heute auf der Bühne gesungen hast, das – unter anderen – mich sehr berührt hat. Du nennst es Ein Kinderlied. Es ist die Geschichte eines kleinen Jungen, mit den Augen eines kleinen Jungen gesehen, der große Schwierigkeiten hat, erwachsen zu werden. Hältst du dich für erwachsen, fühlst du dich bereits erwachsen?

Ich weiß nicht genau, was das ist. Ich sehe, was mit meinen Schulkameraden und Studienkollegen passiert, und ich sehe, wie viele Dinge sie sich abgewöhnt und wegtrainiert haben. Wenn das erwachsen sein soll, dann lieber nicht.

Unsere Situation ist jetzt ganz anders als beim ersten Teil des Interviews, bei dem es ziemlich steril zuging und leise. Im Moment sitzen wir backstage im Folk Pub, noch mit dem Geruch des gerade zu Ende gegangenen Konzerts in der Nase. Es ist ziemlich laut hier, und du hast eben von einem «Brüllzimmer» gesungen. Hast du für dich ein eigenes, privates Brüllzimmer gefunden?

Ich habe eine sehr stille Wohnung in einer sehr stillen Stadt. Ich habe ein Brüllzimmer im übertragenen Sinne dadurch, daß ich ein Privatleben habe, in dem ich mich völlig anders darstellen muß als in dem Teil meines Lebens, der jetzt öffentlich geworden ist. Ich führe ein sehr biederes, braves, stinknormales Familienleben. Das ist eine Art von Brüllzimmer, würde ich sagen. Ich bin nicht ständig umgeben und nicht ständig dem ausgesetzt, was ich so wie heute abend auf einer Bühne abzuschwitzen versuche.

Wir haben im ersten Teil des Interviews von dir gehört, daß du schon fast zwei Biographien hast mit 24 Jahren. Ein ziemlich normaler Werdegang mit einer normalen Schulzeit und einer Studierzeit mit einem Abschluß. Und dann plötzlich macht sich so ein Mann auf den Weg und fängt an zu singen, zu texten, zu musizieren. Und der Kick in dieser Biographie, in dieser zweiten, war mit Sicherheit die Tatsache, daß du ein Festival gewonnen hast. Was ist da für dich passiert?

Das war ein schlimmer Moment, weil ich dachte, das kriegst du nicht mehr in einen Kopf. Ich kam zurück aus einer Atmosphäre von Scheinwerfern, Fernsehkamerasurren, Schulterklopfen, Vertragsangeboten und solchen Dingen und mußte mich dann irgendwie den Menschen meiner normalen Umgebung damit verständlich machen. Und die haben das einfach nicht begriffen. Ich habe ihnen gesagt: Hört mal zu, ich habe ein Festival gewonnen. Und dann sagten die: Ja, schön, und dabei blieb es auch. Ich konnte mich gar nicht mitteilen und kriegte erst mal einen Koller. Ich war in der Zeit im Referendariat und hatte wirklich schwere Probleme mit anderen Dingen. Ich mußte mich auf meine praktischen Prüfungen in der Schule vorbereiten. Eine Woche nachdem wir diesen Preis gewonnen hatten, beschaffte Mick ein Demo-Studio in Hamburg und Musiker zum Mitspielen. Das sind Leute, die jetzt noch in unserer Band sind. Er rief mich an und sagte: Du mußt jetzt am Wochenende nach Hamburg kommen, und wir müssen Demos machen, denn wir müssen den Firmen, die mit uns verhandeln, irgendwas anbieten und zeigen, wie wir uns unser erstes Album vorstellen. Und ich klinkte völlig aus und sagte: Ich will damit nichts zu tun haben. Ich will nach Hause fahren, schlafen, von alldem nichts mehr wissen. Und dann haben Mick und meine Frau mich sehr geschickt und behutsam bearbeitet, bis ich dann doch nach Hamburg gefahren bin und die Demos gemacht habe. Bereut habe ich es nicht.

Was mich an diesem Abend besonders berührt oder vielleicht sogar erschreckt hat, ist, daß da ein Mann auf der Bühne steht, der in dieser Branche neu ist, aber schon ungeheuer fertig erscheint. Da ist eine Präsenz auf der Bühne, sowohl textlich als musikalisch, auch von der Ausstrahlung her, daß man das Gefühl hat, du stehst eigentlich schon zwanzig Jahre auf der Bühne.

Wahnsinn, also darauf kann ich wirklich nicht antworten, weil ich mit so etwas überhaupt nicht gerechnet habe. Ich bin bis jetzt, wenn es hochkommt, und wenn man alle Gigs zusammenrechnet, die ich je irgendwo gemacht habe, vielleicht 35- bis 40mal aufgetreten. Da sind aber auch schon alle kleinen Clubs und alle Enttäuschungen und alle kaputten Verstärker und Details dabei. Ich empfinde mich nicht als fertig, wirklich nicht. Ich versuche, aufmerksam weiterzuleben. Thomas Brasch, der Lyriker, hat mal gesagt: Lyrik schreiben heißt für mich nicht mehr als in einem bestimmten Land, zu einer konkreten Zeit aufmerksam leben. Das versuche ich auch mit meinen Liedern. Und so will ich auch weitermachen. Und fertig – so kann ich mich überhaupt nicht sehen.

Ich habe heute aus deinen Texten, aus deiner Art der Präsentation ungeheuer viel unterdrückte und nicht unterdrückte Wut gehört.

Das mit der Wut ist so eine Sache bei Leuten, die Musik machen. Die muß ja eine Gestalt annehmen, eine Form, in ein Stück kommen, in einer Musik gerinnen. Und was sie dann bewirkt, ist schwierig vorauszusehen. Dadurch, daß man sie zum Gegenstand eines Liedes macht, kriegt sie natürlich einen gewissen Spielcharakter. Sie wird Leuten immer noch mit Unterhaltungswert, hoffentlich, angeboten. Das, was ich an Wut habe, kann nur zum Teil dadurch zum Ausdruck kommen, was ich spiele. Wenn das Leute schockiert und dazu bringt, bestimmte Dinge noch mal durchzudenken, bin ich eigentlich schon zufrieden.

Du hast am Anfang des Interviews, vor fünf Stunden, als ich dich über deine Inhalte gefragt habe, gesagt, daß du versuchen willst, eine allgemeingültige Form zu finden in deinen Texten und möglichst wenig von dir einbringen. Genau das Gegenteil empfinde ich. Ich habe den Eindruck, du bringst dich total in deine Texte ein. Daß daraus etwas Allgemeingültiges werden kann, ist eine andere Sache.

Ja, wenn es so rum funktioniert, kann ich das ja immer noch mit St. Hegel vereinbaren: Das Individuelle und das Allgemeine, die dann so zueinanderkommen, daß das Allgemeine im Individuellen aufscheint, oder wie es in der «Ästhetik» heißt.

Gibt es irgendwas, mit dem du niemals einverstanden sein wirst?

Hoffentlich viel. Aber Songtitel wie Nicht einverstanden oder auch Noch hab' ich mich an nichts gewöhnt sind natürlich keine Tatsachenbehauptungen, sondern nur Appelle an sich selbst. Denn man ist natürlich immer schon mit viel zu vielem einverstanden, und man hat sich natürlich immer schon an viel zuviel gewöhnt. Und insofern drückt sich in solchen Sätzen und Floskeln, so meine ich es jedenfalls, nicht einfach die Statuierung einer Tatsache aus, sondern ein Wunsch.

Hast du Angst vor Image? Es wird passieren, daß du eins kriegen wirst.

Ich habe ja schon eins. Ich versuche, damit irgendwie umzugehen. Irgendwann kommt sehr schnell der Punkt, wo man merkt, daß Leute bestimmte rein äußerliche Dinge, die mit mir zu tun haben, sehr bemerkenswert finden. Von dem Augenblick an, wo man das realisiert, hat man sowieso seine Unschuld verloren. Da spielt es keine Rolle mehr, daß man immer schon so rumgelaufen ist, auch privat. Man hat es gemerkt. Und von dem Augenblick an gibt es nur zwei Möglichkeiten. Entweder du realisierst das und ziehst dich von da an völlig anders an, läßt die Haare wieder ganz lang wachsen und steckst dir rosa Blumen rein oder sonstwas. Das ist aber auch nur Kitsch, das ist auch nur ein Dokument dafür, daß du es gemerkt hast und jetzt unbedingt was anderes machen willst. Irgendwie ist dann das beste, man bleibt dabei, so wie man gewesen ist, bekennt sich dazu, wohl wissend, was andere Leute damit verbinden, und begutachtet, hoffentlich amüsiert, was sie vorhaben mit diesem Markenartikel.

Ein Lied: «Ultimatum». Hast du jemals an Selbstmord gedacht?

Nein.

Noch eine Songzeile, über die ich mit dir sprechen will: «Wo soll ich hin mit meinem leeren Glas?» Wie ich dich heute sehe, im November 1981, ist dein Glas schon ein wenig gefüllt. Was wünschst du dir noch dazu?

Ich wünsche mir, daß ich oft und regelmäßig auf Leute treffe, die mir so gut zuhören, wie es heute abend passiert ist. Ich weiß nicht, inwieweit sich das auch in größeren Räumen und Hallen und Sälen realisieren läßt. Ich hoffe, daß es möglich ist. Denn selbstverständlich möchte ich viele Menschen ansprechen, sonst würde ich es nicht öffentlich tun. Es kann allerdings sein, daß eine Verständigung, ein Konsens, wie er sich heute abend gezeigt hat, sehr clubspezifisch ist. Und wenn ich das merke, durch Umzug in größere Räumlichkeiten mit mehr Leuten, werde ich darauf irgendwie reagieren müssen, und ich hoffe, daß ich dann die moralische Integrität habe, bei den Clubs zu bleiben.

Gibt es irgend etwas, Heinz Rudolf Kunze, an das du dich niemals, in deinem ganzen Leben, was auch immer geschieht, gewöhnen möchtest?

Ich möchte mich nie gewöhnen an die vielen Tage, die bei jedem von uns unterschiedlich häufig vorkommen, wo man sich selbst überhaupt nicht bemerkt. An die Tage, die man genausogut hätte tot sein können, weil irgendeine Mechanik einen durch den Tag zieht, aber hinterher, wenn man sich schlafen legt, hat man überhaupt nicht gewußt, daß wieder ein Tag vorbei ist. Nie, nie dürfen diese Tage überhandnehmen.

Wir leben alle im Erdgeschoß

Heinz Rudolf Kunze hat sich seit 1984 auch als Musikschriftsteller und –kommentator hervorgetan. In einem vielbeachteten Aufsatz im Szene-Magazin «Tip» setzte er sich mit dem Schlager- und Rocksänger Peter Maffay auseinander. Für den Rundfunk, NDR und RIAS, schrieb er mehrteilige Sendereihen über Randy Newman und David Bowie, die auch in der «Idole»-Buchserie des Ullstein-Verlages erscheinen.

Kunze über Maffay: «Einer, der hartnäckig den alten Rock 'n' Roll-Traum träumt, ist mir sehr viel lieber als alle Depeche Modes dieser Welt zusammengenommen, die alles in der Popmusik Mögliche auf ein stilvolles Geschäft der Verschlagenheit zusammenschrumpfen lassen mit ihrer nach Erdbeer-Shakes riechenden Marschmusik für den nächsten Weltkrieg, wie Hanns Dieter Husch richtig sagt. Es ist unbestreitbar, daß du Zigtausende von Menschen aufwärmen kannst, und das kann nicht nur verwerflich sein. «Ich habe Respekt vor diesem Überzeugungstäter», hat mir mal ein A&R-Mann gesagt, der nie mit dir zu tun hatte, und ich stimme ihm zu. Aber wann kommst du endlich hinter den Seifenblasen hervor, die sich bei dir als Inhalte aufspielen? Kannst du dir nicht endlich einen Texter suchen, der diesen Namen verdient und der begreift, daß «Blowin' In The Wind» und «Vom Winde verweht» nicht dasselbe sind?» (aus: «Tip» 7/1984)

Kunze über Newman: «Das Erfrischendste an Randy Newman ist wohl, daß er unbestechlich die Welt selbst zur Sprache kommen läßt. Seine Lieder sind selbst immer ein Stück Welt, nie Lieder über Welt. Nie gibt er sich dazu her, uns Phrasen über die Verbesserung aller Zustände anzudienen. Mag sein, daß er aus diesem Grunde nie ein Megastar wie Dylan geworden ist. Viele Hörer halten ihm einfach nicht stand, sie wollen nicht vom Sänger mit der Wirklichkeit allein gelassen werden, sie vermissen den dazwischengeschalteten, sich ständig in den Vordergrund drängenden Helden, der ihnen vorkaut, wie es weitergehen soll. Und da finden sie ja in der deutschen Liedermacherlandschaft genug Komparsen» (aus: «Idole»)

Kunze nach dem nachstehenden Gespräch: «Ich bedanke mich für den Respekt, mit dem dieses Interview geführt worden ist, und lege Wert darauf, daß das auch im Buch steht.»

Zweites Gespräch: Januar 1985

Seit unserem ersten Tonband-Gespräch sind mehr als drei Jahre vergangen. Es war eine merkwürdige Situation. Du kamst nach Berlin, voll im Feuer deines Anfangs. Wir hatten uns vorher nicht getroffen. Mir gegenüber saß ein korrekter junger Lehrer, noch etwas zugeknöpft. Die Situation änderte sich im Laufe des Abends. Nach deinem Auftritt kam ein ganz anderer Heinz Rudolf Kunze zum Vorschein. Ganz schön viel Kunze an einem Tag. Du erinnerst dich?

Der Auftritt war noch voll von jenen Verkrampfungen, die ich – ich weiß nicht, ob es anderen auch so geht – mitbringe, wenn ich in eine neue Stadt komme, die allgemein und mit Recht als wichtig angesehen wird. Von der man also weiß: Wenn es weitergeht in deinem Beruf, dann wirst du dich hier noch oft stellen müssen. Bevor man zum erstenmal in einer der wenigen Metropolen nachdrücklich seine Visitenkarte hinterlassen hat, ist man doch sehr gespannt, weil man viel gehört hat über die Mentalitäten der verschiedenen Städte. Im Vorfeld gibt es viele Leute, die einen warnen oder ermutigen oder Anekdoten zum Besten geben, wie es in bestimmten Hauptstädten ist. Vieles von diesen angeblichen oder tatsächlichen Mentalitäten habe ich inzwischen überprüfen können. Aber damals hatte ich kaum Vergleiche und war dementsprechend gespannt, ob meine Art, mich auszudrücken, meine Bilder- und Themenwahl hier etwas auslösen. Das ist ja dann erfreulich passiert in einem kleinen Laden, wo der Rapport sehr schnell hergestellt werden konnte durch die große Nähe, die zwanghafte, drangvolle Nähe.

Den Laden, das Folk Pub, gibt es inzwischen nicht mehr.

Es tut mir immer weh, wenn ich ein Ende erlebe. Seit meiner Kindheit geht mir das so. Wenn etwas abgerissen, begradigt, weggemacht wird, das mit mir zu tun hatte und das irgendwie nach mir riecht, irritiert mich das sehr. Ich habe dann das Gefühl, ich bin da irgendwo wie an eine Gletscherspalte getreten, und da ist jetzt etwas abgebrochen.

Nun warst du ja zu diesem Zeitpunkt nicht mehr ganz ohne Erfahrung in diesem Beruf. Aber die Bühnenerfahrungen hast du erst in diesen Jahren gesammelt. Damals haben wir sehr viel über diese mittelmäßige Stadt Osnabrück gesprochen, aus der du zwischenzeitlich auch fliehen wolltest, aber nicht geflohen bist.

Die Flucht hat sich als immer unnötiger erwiesen, weil das berufliche Karussell, das damals in Gang gekommen ist, inzwischen ein solches Tempo erreicht hat, daß die Zeit, die ich zu Hause verbringe, von Jahr zu Jahr dramatisch geschrumpft ist. Ich bin mittlerweile so wenig und so bruchstückhaft zu Hause, daß es fast egal ist, wo dieses Zuhause steht. Das einzige, worauf es mir dann ankommt, ist Ruhe – nicht rausgehen und nicht irgendwelche Reize in sich hineinstopfen müssen, sondern eine Burg zu haben, wo ich in Ruhe am Schreibtisch, umgeben von Büchern und Geräten und Familie, mal wieder auftanken kann, um mir das einfallen zu lassen, was ich dann draußen wieder vorbringen will. Ich schätze, daß ich mittlerweile nur noch ein Drittel des Jahres zu Hause bin. Und das wird allem Anschein nach noch weniger werden. Das heißt, ich bin so häufig in anderen Städten, die mir gut gefallen, daß ich in meinem privaten Lebenszeitraum keine großen Städte mehr brauche.

Laß uns doch noch eine Weile bei Osnabrück verbleiben. Du sagst, es sei dir fast egal, wo du wohnst. Ich glaube, so egal ist das gar nicht. Möglicherweise ist für dich gerade Osnabrück ein Regulativ, gerade diese mittelmäßige Stadt.

Ich bin ein über die Jahre, glaube ich, ein sehr vorsichtiger Mensch geblieben. Ich bin sicherlich charakterlich, typologisch das exakte Gegenteil von einem Mann wie Konstantin Wecker, mit dem ich mich mittlerweile sehr gut angefreundet habe. Ich bin absolut kein Mensch, der das, was er schreiben will, zu erleben und auszuprobieren sucht. Ich bin also keiner, der ständig die Politik der eigenen Haut bereitet.

Es gibt – darauf bin ich stolz, das finde ich absolut nicht blutleer, sondern dichterpraktisch – bei mir einen Überhang von Dingen, die ich nicht erlebt habe, die ich mir habe einfallen lassen. Es gibt Ausgedachtes, Aufgeschnapptes, in das dann sicherlich mein eigenes Restleben partikelhaft reinkommt – das geht wohl jedem so. Aber ich schreibe nicht nach der Maßgabe, durch jeden Morast gewatet sein zu müssen, den man dann beschreibt. Ich führe ein sehr unauffälliges Leben, wenn ich zu Hause bin. Ich gehe kaum raus. Das einzige, was ich mache, sind meine Runden mit dem Hund. Es gibt kaum Lokale, wo man davon ausgehen kann, mich abends zu treffen. Es gibt einen Buchladen, in den ich oft gehe. Es ist schon so, daß mich jetzt in dieser relativ kleinen Stadt viele Leute kennen und ansprechen, aber nicht auf lästige Weise. Ich fühle mich nicht verfolgt oder beobachtet. Osnabrück hat, wenn man so will, das gewisse Nichts, das ich brauche, um halbwegs zur Ruhe zu kommen.

Es wird im Laufe der Jahre immer schwieriger, die eigene Arbeit einzurichten und einzustimmen auf das ständige Unterwegssein. Ich habe damals, als wir gesprochen haben, noch keine Ahnung gehabt, wieviel von dem, was ich inzwischen gesungen habe, in Zügen, auf Beifahrersitzen oder in Wartesälen geschrieben worden ist. Die Sachen werden kürzer, flüchtiger, knapper und direkter. Die verklausulierten, ehrgeizigen Bilder verschwinden, und die Geschichten, die erzählt werden, werden härter, verbal weniger verstiegen.

Man entwickelt gleichzeitig eine geradezu kindische Neigung zu konstanten Dingen. Das heißt, wenn ich diese Pfeife, die ich jetzt in der Hand halte, irgendwohin mitnehme, ist das wenigstens ein Stück, das ich von Berlin nach München und von Hamburg nach Köln schleppen kann.

Und von Osnabrück in die weite Welt?

Und von Osnabrück in die Welt, genau. Genauso kommt einem übrigens auf einer langen Tournee auch die Bühne vor. Mir geht es jedenfalls so. Der Bühnenaufbau mit seinen genauen Placierungen von Verstärker hier, Klavier da, Schlagzeug da, ist ja, wenn man für 40 Konzerte tourt, das einzig konstante Arrangement von Möbeln. Die Bühne kriegt den Charakter deines Zimmers. Nur wenn du auf die Bühne gehst, hast du das Gefühl: Ich bin wieder zu Hause. Die Hotels, die Busse und die vorbeiziehenden Landschaften – wenn auch alles immer gleicher wird in diesem Land – unterscheiden sich doch ein bißchen. Nur die Bühne ist jeden Abend gleich. Das ist der Punkt, wo man, wenn die Tournee läuft und eingespielt ist, nicht mehr verkrampft ist, sondern durchatmet. Man geht raus, das Licht geht an und man denkt: zu Hause. Du hast bei dir zu Hause, nachdem du lange weg warst, das Licht angeknipst.

Schönes Bild. – Aber nun etwas anderes: Ich habe Wecker gefragt: Finden bei dir die wahren Abenteuer im Bauch oder im Kopf statt? Er antwortete: Nie im Kopf. Aber genau das würdest du wahrscheinlich für dich in Anspruch nehmen?

Wecker hat mir letzte Woche bestätigt, daß Schreiben für ihn nur aus dem Bauch geht. Ich als akademisch rotzfrecher Anfänger habe mich vor Jahren über diese Art zu schreiben eher mokiert und sie als dem Sinnlichen oder dem Erlebbaren zu verhaftet angesehen, so daß der Vogel Phönix sich nie wirklich in die Lüfte erheben kann, wenn alles vorher immer begrabbelt werden muß. Das sehe ich jetzt anders. Ich habe mittlerweile – da man auch viele Kollegen kennenlernt und sich von ihnen erklären lassen kann, wie sie die Dinge sehen – ein wesentlich entspannteres Verhältnis zu anderen Arbeitsweisen.

Nun sagt der Wecker, daß er meistens sehr erstaunt vor seinen Liedern steht, weil sie total aus dem Unterbewußtsein kommen und mit ihm oder seinen Erfahrungen zum Teil gar nichts zu tun haben. Erst hinterher stellt er fest: Das ist etwas, das möglicherweise Generationen zuvor irgend jemand geschrieben oder ihm ganz aktuell eingeblasen hat.

Ich glaube schon, daß man sich sein eigenes Schreiben so deuten kann. Es ist zu fragen, ob das auch in jedem Falle stimmt.

Ich frage jetzt ganz konkret dich: Wie empfindest du deinen eigenen Auswurf?

Ich empfinde mein Schreiben nicht als unterbewußt. Was sich im Vorbewußten – um das korrekte Wort aus der Psychoanalyse zu verwenden – abspielt, ist der Anlaß zum Schreiben. Ich war immer sehr interessiert an meiner eigenen und an fremden Schreibmethoden und habe oft versucht rauszukriegen: Wie ist das eigentlich, wenn ein Lied sich zu Wort meldet bei dir, oder ein Sprechtext. Ich kann meine Arbeitsweise hinterher rekonstruieren. Aber ich kann nie den Moment beschreiben, in dem mir der Anlaß selber eingeleuchtet hat.

Bei keinem deiner Lieder?

Nein, das ist unmöglich. Ich weiß nicht, was mich an einem Wort oder an einem Passanten, der vorbeigeht, oder an einer Schlagzeile reizt. Irgendwann stellt sich aus dem Nichts ein Reiz ein, wirklich aus dem Nichts vor dem berühmten weißen Stück Papier, das vor dir liegt. Dann weiß ich, wie ich damit umgehe, wie ich dann bastele, mir Strophen einteile und eventuell auch mal eine Gitarre in die Hand nehme oder mich ans Klavier hocke und den Ablauf skizziere. Dann weiß ich auch schon mal, daß ein ganz bestimmtes Wort am Ende der dritten Strophe kommen soll, obwohl ich Strophe zwei und drei noch gar nicht geschrieben habe. Das alles kann ich zurückverfolgen. Aber wie es losgegangen ist, weiß ich nicht.

Ich habe mir natürlich in den letzten Tagen deine Platten wieder ganz konzentriert angehört. Als Leitmotiv gibt es da das Bild eines malträtierten Kindes. Beschreib doch dich mal als Kind.

Wenn ich meine Kindheit ausführlich beschreiben würde, würde dabei etwas Ähnliches herauskommen wie in dem berühmten Kindheits-Erinnerungsbuch von Elias Canetti «Die gerettete Zunge», wo sich alles sehr stimmig und schön liest. Ich habe eine in ihrem finanziellen Rahmen sehr geschützte Kindheit verbracht. Ich bin in der Kindheit zwar oft umgezogen, habe aber nie in einer Großstadt gelebt. Ich habe also viele Dinge, die in Großstädten verschärft ablaufen, nicht so schroff erlebt. Osnabrück war während meiner Schulzeit eine sehr verschlafene Stadt. Wir wohnten in einer immer etwas zu engen Wohnung mit drei Generationen. Meine Großmutter lebte auch noch dabei.

Warst du das einzige Kind?

Ich war lange Zeit das einzige Kind, hab dann ganz spät noch einen Bruder bekommen. Ich lebte anfangs allerdings unter einem ziemlich großen Druck, denn ich war – wie man mir das erzählt hat – ein verzweifelt erwartetes Wunschkind, das mit unglaublichen Hoffnungen beladen wurde – sehr dezent, raffiniert und subtil beladen. Ich bin nie erpreßt worden. Man hat mir nie mit irgendwelchen Strafen oder massiven Liebensentzügen gedroht. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern. Meinen Eltern war in ihrem Vorleben viel schiefgelaufen. Mein Vater war bei der SS. Meine Mutter war lange Zeit in der DDR Leiterin eines Säuglingsheims und hatte viel mit Kriegselend und elternlosen Babies zu tun. Auch ich stamme eigentlich aus der DDR, bin noch da gezeugt, aber dann im Westen, im Flüchtlingslager, geboren worden. Meine Eltern hatten ganz stark diesen klassischen Satz im Kopf: Meine ... unsere Kinder sollen es mal besser haben als wir. Ich bin also auf eine ganz gepolsterte, behütete Schiene gesetzt worden. Soviel war immer klar: Sobald der lesen lernt, wird er Professor – so ungefähr. Ich wurde nie bestraft, ich wurde nur sehr geschickt belohnt – oder eben nicht belohnt. Ich habe nie um irgendein Buch, irgendeine Platte oder um irgendein Musikinstrument lange betteln müssen. Ich lebte mit ziemlich alten Eltern als Einzelkind, war in der Schule natürlich fürchterlich gut, habe bis Ende der Mittelstufe des Gymnasiums praktisch keine Freunde gehabt, weil man als Primus in der Schule dann doch den Preis zahlen muß: Man wird geschnitten und aus den Einheiten der anderen rausgestoßen. Dann wurde ich – es ist alles roman- und programmgemäß abgelaufen – natürlich auch krank, und zwar ziemlich schwer. Eine Knochenkrankheit im Bein. Ich bin als Kind lange Zeit an Krücken gelaufen, konnte also am Sportunterricht überhaupt nicht teilnehmen, war wieder mal ausgeschlossen, hatte noch mehr Zeit für Bücher. Das wurde erst am Ende der Schulzeit besser, weil sich auch die Rabauken allmählich Zukunftsperspektiven machten und sich überlegten, daß es ganz gut sein könnte, von irgendwem abzuschreiben und die Noten aufzubessern.

Dann wurdest du für sie attraktiv?

Ja, und dann fing ich auch langsam an, Musik und Texte zu machen und kriegte übers Abschreiben und über die Phantasie allmählich eine Art Freundeskreis. Zusammengefaßt: Ich habe eine abgeschirmte, planmäßige Kindheit mit den voraussehbaren, begrenzten Katastrophen hinter mir, die sich dabei notwendigerweise ereignen.

Rück doch mal deine Eltern ins Bild. Hattest du eine sinnliche Beziehung zu Vater und Mutter, oder waren die unsinnlich?

Als Kind hatte ich schon eine sinnliche Beziehung zu meinen Eltern. Ich empfand das jedenfalls so. Ich glaube, daß meine Eltern mich selbst eher als kühlen Sohn betrachten und sich oft über mich wunderten. Je älter ich wurde, desto mehr habe ich vor zuviel Nähe mit ihnen Angst gehabt, weil ich immer besser mitbekam, was sie alles von mir erwarten und mit welcher berserkerhaften Zuwendung sie immer aufwarten wollten. Ich hatte als Jugendlicher oft das Gefühl, daß sie auf ihr eigenes Leben weitgehend verzichtet haben, um in mich möglichst alles hineinzupumpen, damit ich ihr verlängerter Arm werde. Ich habe meiner Mutter zum Beispiel heftige Vorwürfe gemacht, daß sie ihren Beruf aufgegeben hat.

Gab es denn Ausbruchsversuche als Kind? Ich möchte bei dem Bild des malträtierten Kindes in deinen Texten bleiben. Warum hast du es so empfunden?

Ich habe nicht gesagt, es wäre so. Ich habe nur gesagt, es könnte sein, daß es jetzt in Liedern gebrochen so auftritt. Wenn da etwas malträtiert, etwas kaputtgemacht wurde, dann geschah es ja nicht dämonisch oder aus böser Absicht, sondern als normale Kleinbürger-Katastrophe, bei der es immer nach Wirsingkohl riecht und sich drei Generationen zanken.

Die Frage ursprünglich war: Gab es Ausbruchsversuche?

Es gab nur einen Ausbruchsversuch – das war das Schreiben.

Also die Flucht wieder über den Kopf.

Ich hatte den klassischen Problemdruck, den Autoren im nachhinein manchmal gern in ihre eigene Biographie hineinschwindeln.

Leidensdruck?

Leidensdruck, genau. Direkte Ausbrüche gab es freilich nicht. Ich bin nie weggelaufen, nie durchgebrannt und hatte sogar soviel Bindung an zu Hause, daß ich mich dazu habe überreden lassen, weitgehend am Ort zu studieren. Ich bin dann, als ich mal woanders studieren wollte, nur in den nächstgelegenen Ort gegangen, nach Münster. Dort bin ich aber, nachdem ich von zu Hause ausgezogen war, auch gleich wieder eine Bindung eingegangen, bin mit einer Freundin zusammengezogen, hab also nie allein gelebt. Ich bin ja schon beinahe Lehrer gewesen, als mir diese Laufbahn passiert ist. Das ist eigentlich der ernsthafteste Ausbruchsversuch in meinem Leben gewesen, auch mein folgenschwerster, daß ich – schon mit einem Bein im Lehramt – gesagt habe: Ich mache etwas ganz anderes.

Du hast es gerade ganz passiv ausgedrückt. Du hast gesagt: Als es mir passiert ist. Ist es dir passiert oder hast du es dir passieren lassen?

Ich habe es jedenfalls nicht betrieben, das kann man wirklich nicht sagen. Ich hatte zu dem Zeitpunkt, als ich zum erstenmal Öffentlichkeit gesucht habe, schon unendlich viele Lieder geschrieben; es müssen mehrere Hundert gewesen sein, die ich nie versucht habe, öffentlich durchzusetzen. Ich hatte mal hier und mal da einen Freund, mit dem ich zusammen – ohne Ankündigung, ohne Plakate – in irgendwelchen Clubs gespielt habe. Das Ganze vielleicht fünfmal in meinem Leben. Und dann habe ich, in der Endphase meines Studiums, mich einmal um Öffentlichkeit bemüht: dieses berühmte Pop-Nachwuchsfestival, das es mittlerweile auch nicht mehr gibt. Dort habe ich vorgespielt und dabei den Mann getroffen, der für mich heute noch eine Gestalt wie Friedrich der Große ist, nämlich Siegfried Loch, den ich hemmungslos und rückhaltlos verehre. Daraus mache ich auch nie einen Hehl, weil er für mich eine Begegnung war, die mir in meinem ganzen trockenen Akademismus nie zugestoßen ist.

Da war ein Mensch, der keine Theorien absonderte, die man nicht sehen und deren Folgen man nicht anfassen kann, sondern ein Typ, der Phantasie mit ganz handfester Macht verband. Das war ein Mann, dessen kreative Entscheidungen, die auch sein Risiko waren, man wenige Wochen später überprüfen konnte. Und der sagte, wie ein aufgeklärter Monarch: Kommen Sie an meinen Hof und spielen Sie Querflöte.

Für die Leute, die es nicht wissen, muß man dazu sagen, daß Siegfried Loch Boss einer in Deutschland wirkenden Schallplattenfirma war, inzwischen ist er es nicht mehr.

Er ist international hinaufgefallen.

Er ist die Karriereleiter hinaufgestiegen, aber er ist nicht mehr in Deutschland. Er war der Kreativste, den wir in dieser Branche hatten.

Er hat sich ganz hemmungslos, wie ein altmodischer, frühkapitalistischer Unternehmer eingeschaltet und sich nicht hinter die Fassade seiner Chefetage zurückgezogen. Sigi Loch wollte eigentlich immer noch Ärmelaufkrempeln und alles selber machen; er war also eine ganz romantische Gestalt, eigentlich. Ich will ihn jetzt nicht übermäßig glorifizieren. Ich weiß, daß er schlimme Seiten und auch sehr despotische Züge hat, wie mir von vielen Kollegen berichtet wurde, aber zu mir hat er sich immer untadelig verhalten. Vor allen Dingen hat er mich aus einem vollständig durchgeplanten Leben rausgeholt – im letzten Moment.

Für einen intellektuellen, jungen, poetischen Sänger ist es ja fast gefährlich, daß die Eltern von einem abgelöst werden und dann ein Mann kommt, der dir wieder eine Leitlinie bietet, an der du dich entlanghangeln kannst.

Eine Leitlinie kann man nicht sagen. Er hat mir eine Tür aufgemacht. Er hat mir gezeigt, daß ich nicht zu den Erniedrigten, Beleidigten und Zukurzgekommenen gehören muß, sondern daß es für mich einen Lebensraum gibt. Er hatte die Klinke in der Hand und hat gesagt: In diesen Raum stelle ich dich rein, und nun sieh zu. Er hat mich ja nicht ästhetisch angeleitet; er hat auch nie Einfluß genommen auf das, was ich singe oder spiele oder spreche. Er gab mir nur die Chance dazu. Er hat mir gezeigt: Man kann mehr erreichen, mehr aus sich machen und mehr riskieren. Man kann mit mehr Wagnis leben, als es mir im Traum vorgekommen wäre.

Was spielt in deinem Leben die größere Rolle, Passivität oder Aktivität?

In meinem privaten Leben sicherlich eher das passive, das abwartende Moment. Aber ich kann das nicht so recht trennen, weil das ja ein Job ist, bei dem man nie richtig privat und nie richtig dienstlich ist. Ich arbeite sehr viel, ich schreibe ja sehr viel, und ich würde schon sagen, daß es eine aktive Funktion ist, die man da ausübt. Es wäre schlimm, aber ich kann es nicht ganz ausschließen, daß ich mein Privat-Ich immer mehr wegschreibe, daß ich also immer mehr aufgehe in der öffentlichen Person, die ich eben auch bin.

Was am Anfang in deinen Texten, in deiner Darstellung – um nicht das Wort Performance zu sagen – viele Leute gestört hat, war das noch etwas verkrampfte Festhalten am Wort, am Dichterwort, auch überlagert von vielen Vorbildern, von denen du dich ja immer mehr gelöst hast, wie ich meine.

Es ist doch logisch, daß man von vielen Vorbildern überlagert ist, wenn man anfängt. Da muß man durch, klar.

Es gab sehr unterschiedliche Kritikermeinungen in diesem Lande, mit denen du dich intensiv auseinandergesetzt hast. Du bist ja nicht einer, der davor die Augen zumacht oder sagt: Es interessiert mich nicht. Es interessierte dich schon.

Natürlich, ich kenne keinen Kollegen, den Kritik nicht interessiert. Es gibt einige, die das fälschlich behaupten. Interessieren tut es jeden.

Was ist für dich dabei rausgekommen unter dem Strich?

Es gibt bis heute eine kleine Fraktion, vier Gestalten, wenn ich es richtig sehe, die mich vehement nicht leiden konnten, und zwar nicht nur einzelne Stücke oder einzelne Aspekte, sondern die gesamte Person und was sie macht. Das ist auf unterschiedlichem Niveau abgehandelt worden: im «Musik-Express» vollkommen rüde, in «Sounds» qualifizierter, eloquenter und darum schmerzhafter. Es gibt heute eine Gruppe von Leuten, die mich ähnlich behandeln wie früher die Mitschüler. Die einfach immer noch glauben, einen Streber wiederzuerkennen, der die Unverschämtheit besitzt, sich ins Musikgeschäft zu wagen, und den wir jetzt mit aller Kraft dahin zurückschreiben, wohin er gehört, nämlich meinetwegen in die Anwaltskanzlei oder in die Arztpraxis oder so.

Was mich an den Artikeln sehr gestört hat, war das Maß an Überlegenheit, das diese Leute für sich selbst beanspruchen, bevor sie überhaupt über populäre Musik schreiben. Ich habe da immer den Hintergedanken mitgelesen: Populäre Musik kann ich nur dann mögen, wenn sie sehr viel dümmer ist als ich. Ich muß immer einen großen Überlegenheitsraum behalten, wo ich drüber thronen und mit dem Finger draufzeigen kann. Wenn jemand versucht, sich im Zusammenhang mit populärer Musik komplex auszudrücken, muß das Scheiße sein. Das muß verfehlt sein, das darf gar nicht gut sein. So kamen mir diese Artikel oft vor. Mehr anfangen konnte ich immer mit Artikeln, die sich auf Einzelheiten einließen: wenn mir also jemand bestimmte Worte als ungekonnt oder bestimmte Musiken als nicht genügend durchdacht angekreidet hat. Damit kann man umgehen, damit kann man sich auseinandersetzen. Ich weiß nicht, wie man sich angemessen auseinandersetzen kann mit einer Kritik, die die ganze Person in den Ausguß kippt. Das ist schwierig, wo soll man da ansetzen?

Auf einer Bühne stehen ist etwas anderes als beschützt in seinem Zimmerchen sitzen und vor seinen Texten brüten. Auf der Bühne geschehen magische Dinge.

Meine Erfahrungen auf der Bühne gehören zum Schönsten, was es im Leben gibt. Ich hatte nie viel Angst in meiner Lebenslaufbahn, wenn ich irgend etwas beweisen mußte. Auch die erste Platte hat mir eigentlich nicht groß angst gemacht. Im Studio fühlte ich mich relativ schnell relativ wohl. Aber wovor ich richtig Angst hatte, war meine erste Tournee. Denn ich konnte mir – obwohl die erste Platte ganz gut lief – einfach nicht vorstellen, was Leute eigentlich direkt von mir wollen. Warum wollen sie ins Konzert kommen und mich sehen? Das konnte ich mir nicht erklären. Und als ich nach der ersten und zweiten Tournee begriffen hatte, daß ich auf einer Bühne stehen und diese Sachen vertreten kann, habe ich mich über meine eigenen Möglichkeiten sehr gefreut. Das heißt, ich genieße es sehr, live zu spielen.

Wir haben viel über deinen Kopf geredet. Auf der Bühne spielt der Kopf nur eine sehr geringe Rolle. Da sind Sinnlichkeit, Ausstrahlung, der Kontakt mit dem Publikum sehr viel wichtiger. Wie hast du Sinnlichkeit auf der Bühne erfahren?

Indem ich ganz ungeschützt mit meinem Klavier oder mit meiner Gitarre zu realisieren versuche, was mir möglich ist. Ich möchte die großen animatorischen Anmachergesten vermeiden, arbeite aber schon mit Händen und Körperbewegung – immer mehr im Laufe der Jahre. Ich gestikuliere, male zu meinen Stücken Sachen in die Luft, wechsle auch oft die Positionen auf der Bühne. Das muß ich ja zwangsläufig, weil ich immer zwischen Gitarre und Klavier pendele. Aber diese Rock 'n' Roll-Pose: Do you feel alright? Wie geht's euch heute? Hallo, Essen! – die habe ich nie gemocht. Es gibt immer mehr Leute, die zu mir kommen und diese Art einer unprätentiösen Ansprache wohl mögen.

Ich habe oft das Gefühl, daß eine sehr innige Verbindung zustande kommen kann, wenn der Sound gut ist, wenn der Abend gut ist, wenn man mit dem richtigen Fuß aufgestanden ist. Es hat für mich – das können sehr viele Leute bestätigen, die da waren – überhaupt keinen Vorlesungscharakter. Das Konzert ist jedenfalls nie akademisch überladen, so daß die Leute unter Inhalten zusammenbrechen, sondern es ist eine Sache, die auch richtig Krach macht und gelegentlich auch die Kniekehlen erreicht.

Das ist nicht immer möglich. Man kann, wenn man – im weitesten Sinne des Wortes – Lieder macht, nicht alle Sachen darauf abstellen, daß sie den Neger in uns ansprechen. Dann könnte man bestimmte Reimformen nicht mehr durchhalten. Man kann nicht alles sagen zu einem starken Rhythmus. Aber wir gönnen uns im Laufe der Jahre immer mehr solcher Stücke, bei denen der Schwerpunkt auf der Musik liegt, durch die auch andere Teile des Menschen erreicht werden sollen als das Hirn. Wir müssen nicht die Band der frustrierten Studenten sein.

Hast du deinen Körper, um von deinem Kopf mal wegzukommen, in der Konfrontation oder Begegnung mit anderen Menschen kennengelernt oder möglicherweise erst richtig auf der Bühne?

Es kann durchaus sein, daß das letztere zutrifft, obwohl Leute, die mich nie gesehen haben, daraus nicht den Schluß ziehen dürfen, daß ich mich sehr stark bewege. Ich bin nicht wie Marius Müller-Westernhagen, der ständig von einem Ende der Bühne zum anderen hetzt. Der macht ja auch eine ganz andere Musik. Aber die Tatsache, daß ich als ganze Person da bin, daß ich schwitze, Atemnot habe und in kleinen Clubs auch schon manchmal an der Grenze des Umfallens bin, weil ich keine Luft mehr kriege – das alles ist ja Körperlichkeit. Es kann sein, daß mir das tatsächlich erst auf der Bühne klargeworden ist.

Wo erlebst du die Resonanz des Publikums? Trifft sie dich zuerst im Kopf, im Unterleib, oder wo sonst?

Ich möchte fast direkt sagen: im Herzen. Beifall ist eines der schönsten Geräusche, das die Natur zu bieten hat.

Auch beim Kopfarbeiter können also Suchterscheinungen entstehen.

Ja, natürlich, und wie! Vor allen Dingen ist der Beifall eine ganz gefährliche Droge, weil man, wenn er zum erstenmal laut gerauscht hat, das nie wieder vergißt. Man hat von diesem Augenblick an, wenn man sich neue Sachen ausdenkt, auch die Unschuld verloren. Man möchte dann, wenn man nach der Tournee wieder am Schreibtisch sitzt, unbedingt wieder Sachen produzieren, bei denen dieses Geräusch als Folge wieder auftritt, möglichst noch heftiger. Das heißt, man schreibt nach der ersten deutlichen Konfrontation mit zustimmenden Menschen nicht mehr ausschließlich für sich, wenn man das je getan hat, sondern man will diese Menschen wiederum gewinnen, eine Rückmeldung von ihnen haben.

Dein Weg von Osnabrück in die Welt brachte dir Konfrontationen, Begegnungen, Situationen, mit denen du dich möglicherweise am Anfang schwergetan hast. Ich weiß nicht, wie du dich heute zum Nachtleben verhältst. Ich habe hier ein Bild, das mir sehr gefällt, weil es einen so ganz anderen Heinz Rudolf Kunze darstellt. In der Bildunterschrift hat der Fotograf, von dir ein Dankeschön gekriegt für die Preisgabe deiner Nachtseite. Es gibt mithin eine Tagseite und eine Nachtseite von Heinz Rudolf Kunze. Die Nachtseite sieht recht abenteuerlich aus: Leopardenhosen, Stiefel, Lederjacke, Sonnenbrille.

Das sieht aus, wenn ich das noch ergänzen darf, wie ein Pilot, der durch die Decke dieses Wohnzimmers gefallen ist und sich jetzt auf dem Küchentisch wiederfindet – zwischen all dem Saubermach-Gerümpel, das eine Familie so aufzubieten hat. Diese Maskerade ist nicht rein privat zu sehen, sondern sie soll auch ein optischer Schlüssel zur Platte sein, der diese Broschüre beiliegt. Ich bin heftig konfrontiert mit Nachtleben, weil der Lebensrhythmus in diesem Job acht Stunden verschoben stattfindet gegen den normalen Tag der sogenannten arbeitenden Bevölkerung. Die Konzentration, das Adrenalin nach einem Auftritt, verbietet einem praktisch, sich danach ins Bett zu legen. Man kann nicht, nachdem man drei Stunden gespielt hat, sich ausknipsen und ins leere Hotelzimmer zurückziehen, da wird man verrückt. Das heißt, man muß noch irgendwohin, Leute treffen. Das mache ich auch ausgiebig, das ist mittlerweile Lebensform geworden.

Nun sucht man sich ja die Leute, die man da trifft, nicht gezielt aus, sondern...

Wenn's geht, schon. Es gibt oft Städte, da trifft man Kollegen. Wenn die gerade nicht touren, dann kommen sie zu einem ins Konzert, und dann zieht man zusammen los. Aber oft hat man auch Begegnungen, die man nicht planen kann.

Du hast dich selber beschrieben als einen Piloten, der vom Himmel in ein Wohnzimmer auf einen Tisch gefallen ist. Ich sehe das ganz anders. Ich sehe da einfach einen Freak.

Bin ich nicht, nicht mal auf der Nachtseite. Die Leopardenhose speziell sollte ein Fassbinder-Zitat sein. Und ich glaube, der war auch kein Freak. Der ist nämlich ebenfalls ein Arbeitstier gewesen.

Angesichts der wohlgeordneten Verhältnisse deines Lebens kann doch durchaus eine Sehnsucht nach dem Wahnsinn bestehen.

Das auf jeden Fall, aber ich glaube nicht, daß ich sie einlöse.

Warum nicht? Angst?

Ich neige nicht dazu. Wenn ich zum Beispiel auf Tournee Frauen kennenlerne, dann habe ich keine Affären, sondern sie wollen mich immer gleich heiraten.

Also wieder wohlgeordnet?

Ja, aber von denen aus auch. Ich mache scheinbar diesen Eindruck.

Stört dich das?

Nein, ich stelle es nur fest. Ich komme gar nicht richtig zum Helden der Nacht. Ich bin dann eher Beichtvater oder soll gleich meine Koffer dalassen, meine Zelte zu Hause abbrechen und dahin ziehen.

Laß mich bitte trotzdem penetrant nachfragen: Wärest du denn gern der Held der Nacht?

Ja, schon, aber dann doch nein, denn dann müßte ich in Kauf nehmen, daß ich nicht mehr schreiben könnte.

Das weißt du doch gar nicht.

Ich glaube nicht daran, daß das geht. Die wirklichen Helden der Nacht, die wirklichen Straßentiger, können nicht schreiben. Und darum glaube ich auch, daß der Kollege Wecker zum Beispiel ein bißchen übertreibt. Er erlebt zwar viel, aber wenn er das ist, was ich unter einem Helden der Nacht verstehe, dann könnte er nicht kreativ sein.

Bukowski?

Den finde ich nicht kreativ.

Franqois Villon?

Zu lange tot, von dem weiß ich sehr wenig. Es gibt diese Vagantentypen, aber daran glaube ich nicht so recht. Mir erscheint, wenn man sich Dichterleben klarmacht, doch das Gegenüber von Oscar Wilde oder von Nietzsche einleuchtender. Es gibt eben Menschen, die ein Defizit an Leben haben, die können schreiben. Und es gibt Menschen, die können alles erleben, aber sie schreiben nicht.

Und du meinst nicht, daß eine Mischung aus beidem möglich wäre?

Vielleicht ist der Wecker eine Mischung aus beidem. Aber dann überwiegt doch das Defizit und das Schreibenmüssen.

Wir sprechen von dir und nicht vom Wecker.

Bei mir ist es, würde ich sagen, eindeutig eher der erste Typ: daß man eben defizitär lebt und sich damit einrichtet. Ich leide ja nicht darunter.

Aber den Versuch wäre es doch wert. So einen richtigen, wahrhaftigen Ausbruchsversuch hast du noch nie gemacht.

Nein, stimmt.

Also bleibst du auf deiner Linie, in deinem vorgegebenen Leben?

Wenn niemand kommt, der mich da rausholt, gehe ich davon aus, daß ich so weitermache.

Hast du manchmal Sehnsucht nach jemandem, der dich da rausholt?

Ganz kurz aufflackernde, ja, aber das hält sich nicht lange. Was ich jetzt tue, was ich zu meinem Beruf, zu meiner Lebensform gemacht habe, will ich noch ziemlich lange machen, noch sehr viel darin ausrichten. Ich könnte niemanden dulden, der mich daran hindert.

Die Platte, über die wir auch reden, heißt Ausnahmezustand. Das ist ein Titel, der einem nicht zufällig einfällt. Empfindest du dich im Moment in einem Ausnahmezustand – oder seit du aus Osnabrück in die Welt gegangen bist?

Ja, letzteres. Der Titel hat drei Bedeutungen. Einmal diese, daß das Leben, das ich führe, wie es in der «Durchreise» heißt, ein «nicht zu überbietender Skandal» ist. Dann die offensichtliche politische Bedeutung, die man ständig in der Tagesschau oben links als Schlagzeile eingeblendet sieht, wenn irgendein südamerikanischer Verrückter wieder alles an sich gerissen hat. Und als drittes die Bedeutung aus der Mystik, aus der theologischen Philosophie des Mittelalters, wo die gottschauenden Mystiker immer zu dieser Vokabel greifen oder zu sehr ähnlichen. In dem Moment, in dem sie Gottes ansichtig oder von ihm erfüllt werden, befinden sie sich in einem entrückten Ausnahmezustand, der mit nichts vergleichbar ist, was sie sonst erleben und wahrnehmen können. Diese drei Bedeutungen sollen sich gegenseitig kommentieren in diesem Wort. Ausnahmezustand bedeutet einfach: der Versuch, in einer plärrenden, lärmenden, stinkenden Zeit sich so sehr, wie es eben geht, zu konzentrieren und zur Besinnung zu kommen.

Ich habe auf dieser Platte auch ganz konkrete Andeutungen gefunden, die mich zu der Frage bringen nach deinem sexuellen Verständnis als Mann oder zu deiner Identität als Mann, die sich ja natürlich zu diesem Zeitpunkt, fast am Ende dieses Jahrhunderts, etwas auflöst. Die Erotik spielt eine andere Rolle, weil sie nicht mehr eindeutig bezogen sein muß auf das andere Geschlecht.

Auch diese Lebensseite ist mir nicht fremd.

Eben, und gerade der Song Lola ist ein sehr schöner Schlüssel dafür.

Lola ist einfach nur ein Spaß.

Nicht nur ein Spaß. Ich finde es eine tolle Nummer, die auch ganz anders ist als deine anderen Nummern, hitverdächtig, finde ich. Hast du übrigens Angst vor einem Hit?

Nein, überhaupt nicht.

Nun interessiert mich also deine Einstellung zur Erotik, zur Sinnlichkeit und zur Sexualität.

Ohne mir da je groß Rechenschaft abgelegt oder entsprechende Magazine und Bücher gelesen zu haben, kann ich sagen, daß mir die eindeutige Trennung meiner Zuneigung zu Männern und Frauen nie eingeleuchtet hat. Ich habe durchaus – im Moment eigentlich nicht – auch Neigungen, auch Erlebnisse gehabt, die über die klare Grenze hinausgewiesen haben.

Bei jemandem wie dir, dessen Abenteuer im Kopf stattfinden, ist auch die Erotik vermutlich nur über den Kopf machbar.

Insofern ja, als ich von einer Person, die ich liebe oder in die ich mich verlieben kann, sehr fasziniert sein muß. Es geht mir auf Tournee oft so, wenn ich sehe, daß irgendeiner aus der Band mit irgendeiner Frau abzieht. Ich stelle dann fest: Soweit du dich überhaupt ehrlich überprüfen kannst, bist du jetzt nicht verärgert, eifersüchtig, neidisch oder sonstwas. Bei mir müßte es unbedingt eine Frau oder meinetwegen auch ein Mann sein, wo ich nicht erschrecke, wenn sie oder er den Mund aufmacht. Es gibt Leute, die genau das Gegenteil brauchen: das schöne, blöde Fleisch. Ich kann das verstehen, aber es geht mir nicht so. Ich könnte mich nie in eine Person verlieben, weil ich sie schön finde, wenn sie blöd ist. Das würde nicht laufen.

Hast du eigentlich in deinem Leben noch immer, trotz des Ausnahmezustands im weitesten Sinne des Wortes, selbstgesteckte Grenzen?

Dinge, die ich nicht tun dürfte?

Die du dir selber auferlegst, nicht zu tun. Und gleich daran anschließend die Frage: Gab es Momente in deinem Leben, wo du weit über deine Grenzen hinausgegangen bist?

Ich bin gelegentlich insofern über Grenzen hinausgegangen, als ich mich wie ein Verräter aufgeführt habe. Ich habe Dinge, die mir privat berichtet wurden, in Liedern und Texten verwertet, weil die Geschichte, die dahintersteckte, mich so interessiert hat. Da habe ich schon einige Male Vertrauen gebrochen. Das ist leider nicht zu vermeiden. Auch ohne Namensnennung erkennen sich dann Leute wieder. Und da muß ich dann sagen, wenn der sensationelle, der Wahrnehmungseffekt einsetzt, wenn bei mir ein rotes Licht aufgeht, während ich eine Geschichte oder eine Mitteilung höre, kenne ich kein Halten mehr. Dann wird die Mitteilung «Streng vertraulich» mir nichts bedeuten, dann schlachte ich es aus. Darum hat Andre Gide auch gesagt, daß Schreibende so wenig Freunde haben, weil alle skeptisch werden, daß sie irgendwann wieder vorkommen – mit Recht. Da habe ich gelegentlich Grenzen, die eigentlich gelten sollen, überschritten.

Und in anderen Bereichen?

Ich mache mir zum Beispiel ein ziemliches Problem aus Treue. Auf Grund nicht etwa pathetischer, sondern ganz praktischer Überlegungen – ich möchte auch gern, daß meine Frau mir treu ist. Also ist es eine wechselseitige Angelegenheit, nicht irgendwelches italienisches Getue. Ich möchte so was von ihr auch nicht erfahren, weiß es natürlich auch nicht. Ich bin ja lange weg.

Aber du fragst auch nicht.

Nein, ich frage auch nicht, sie auch nicht, und ich versuche, mich daran zu halten. Obwohl ich oft in Situationen komme, wo ich andere Erfahrungen mache.

Das ist natürlich auch eine Mutfrage, nicht nur eine Frage der Treue.

Ich glaube nicht, daß es eine Mutfrage ist. Dazu sind die Gelegenheiten zu häufig und zu naheliegend. Ich habe bei vielen Musikern – ohne das jetzt moralisch bewerten zu wollen, ich kenne den Leidensdruck auf dem Gebiet ja auch, wenn ich unterwegs bin – bei vielen Musikern, die mit einer Frau fest zusammenleben, erlebt, was für fürchterliche, entwürdigende Szenen das gibt. Wenn dann entsprechende Bräute berechtigterweise bei ihm zu Hause anrufen und das nicht für beendet erklärt haben wollen. Was es da für peinliche und gemeine und erniedrigende Sachen gibt, die da passieren können: Das möchte ich mir ersparen. Da habe ich schon so schlimmes Theater gesehen, letzte Schmierentragödien, das muß ich nicht haben. Es würde mir auch zuviel Kraft rauben. Ich könnte nicht mehr schreiben. Ich brauche meine Kraft für was anderes.

Dich hat's erwischt, genau wie alle, die den magischen Raum Bühne betreten haben. Du fühlst dich merkwürdigerweise da am realsten, wo eigentlich Irrealität angesagt ist.

Das ist eindeutig festzustellen. Das geht bei einigen meiner Kollegen, auch bei Leuten aus meiner eigenen Band, ganz schrecklich weit. Einige tun mir privat richtig leid. Ich habe sie ja nun alle ein bißchen kennengelernt, nachdem wir endlich eine Band haben, die seit zwei Jahren ohne personellen Wechsel konstant zusammenspielt, gerade wenn es Leute sind, die keine eigenen Sachen schreiben und nicht für ein eigenes Projekt unter Schallplattenvertrag sind. Sie sind nur Mietmusiker und warten darauf, daß das Telefon klingelt. Ich habe Freunde und Kollegen, die sitzen am Telefon und machen nichts. Sie lesen Zeitung, vielleicht, wenn es hochkommt. Oder sie hören eine Platte und sitzen neben dem Telefon und warten, daß jemand anruft, sie mietet, und daß es wieder auf die Piste geht. Die sind wirklich nur noch auf der Bühne am Leben, so saugt das aus.

Wie schützt du dich davor?

Durch meine mich schroff und gesund zurückholende Frau, zum Beispiel. Durch andere Tätigkeiten, die davon etwas ablenken, also Schreiben, durch mein Haus, meinen Wohnraum, Bücher, Tiere, hauptsächlich durch etwas andersgeartete Arbeit. Adorno hat einmal gesagt, er mißtraue der Vorstellung, daß Erholung unbedingt bedeuten müßte, nichts zu tun. Ich auch. Ich glaube, Erholung kann auch bedeuten, nur etwas anderes zu tun.

Das ist wahrscheinlich ein ganz wichtiges Denkmodell für unsere Zeit, in der Arbeitslosigkeit eine so große Rolle spielt, daß Leute umdenken müssen.

Die meisten Menschen verstehen Erholung immer noch als Sich-Ausstrecken und Gar-nichts-Tun und wundern sich, wenn ihnen langweilig wird.

Ist dir jemals langweilig?

Nein.

Du hast sicher Erwartungen und Sehnsüchte in die Zukunft gerichtet, die möglicherweise kontrastreich sind zu dem, was bisher mit dir gelaufen ist.

Wenn man einen bestimmten Weg zurückgelegt hat, der markiert ist von Tourneen und Platten, hat man ja ein Stück von sich entäußert, das jetzt dasteht, wie eine öffentliche Mumie. Diese Mumie zeichnet sich in meinem Fall aus durch ein Sammelsurium von sarkastischen Bemerkungen, Bestandsaufnahmen (wie auch ein Stück heißt), bitteren, grimmigen, ironischen Sätzen und Tönen. Ob man will oder nicht, man wird in den Augen der Leute durch dieses Verhalten auf fünf Platten und auf vier Tourneen unglaublich einengend definiert. Das ist jetzt der und der: Die Schublade für mich ist längst fertiggezimmert. Man lebt und arbeitet unter der ständigen Rekordforderung, auf der nächsten Platte, auf der nächsten Tournee noch gemeiner, noch finsterer, noch genauer, noch gescheiter sein zu müssen, sich zu verhalten, sich darstellen zu müssen. Seit zwei Jahren ist mir das aufgefallen mit der Folge, daß immer unabweisbarer – jedes Jahr wieder, wenn es darum geht, eine neue Platte zu machen – der Wunsch sich zu Wort meldet, diese Erwartungen alle ins Leere laufen zu lassen, eine hemmungslos dämliche Platte zu machen. Eine Platte mit ganz blöden, oberflächlichen, nichts über irgend jemanden verratenden Liebesliedern zum Beispiel, die toll abgehen, die musikalisch gut gemacht sind, bei denen jeder mit dem Fuß wippen muß und sich trotzdem fragt: Das kann doch nicht der gleiche Mensch sein. Mir ist, seit ich selbst Ausübender bin, zum Beispiel das Bedürfnis von Bob Dylan, um die Jahrzehntwende 1970 herum mal was ganz anderes zu machen, plötzlich Country-Schnulzen zu singen, vollkommen klargeworden – daß man sich einfach mal erholen möchte von diesem Poeten-Leistungsdruck.

Da sind wir wieder bei den Ausbruchsversuchen, das wäre ja wieder mal einer. Heinz Rudolf Kunze, ganz doof: Was soll passieren?

Ich kann das nur vorsichtig machen, wie ich alles, was ich mache, vorsichtig mache. Lola war ein erster Ansatz dazu. Über die Zukunft ist noch nicht entschieden. Ich weiß im Moment noch nicht genau, welche Gestalt die nächste Platte haben wird. Mal sehen, ob ich mir dabei mehr durchgehen lasse.

Eine unvermeidliche Schlußfrage: Gibt es bereits Todesängste in deinem Leben?

Gibt es schon, ja. Einmal ohne konkreten Anlaß die Angst, mit etwas nicht fertig zu werden, also eine Spur zu hinterlassen, die vor ihrer Zeit abbricht – das mehr so im allgemeinen gesagt. Konkret gab es auf der letzten Tournee zwei, eine körperlich bedingte und eine durch meinen Beruf bedingte. Die körperliche: Ich hatte eine Tournee eigentlich zum erstenmal gesundheitlich gut durchgestanden, ohne Grippe, Halsentzündung, Heiserkeit. Da die Tournee sehr anstrengend war – es waren an die 40 Konzerte, fast ohne freie Tage –, lag ich eines Nachts in Hannover im Hotel, und mein Herz wollte nicht mehr so recht. Zwar hatte ich schon als Kind und als Jugendlicher Herzrhythmusstörungen, die, wie jeder Arzt sagen wird, sehr harmlos sind, aber sehr unangenehm. Man kann auch kaum was dagegen tun.
Nach dem Dauerstress von dann schon über 30 Konzerten lag ich plötzlich in der Nacht da, wachte auf, und nichts ging mehr. Ich war wie gelähmt, konnte keinen Finger mehr rühren, kriegte keine Luft mehr und guckte die Decke an, konnte aber noch klar denken. Ich dachte: So ist das also, wenn man stirbt. So stelle ich es mir wenigstens vor. Der Telefonhörer liegt neben dir, und du kommst nicht ran, kannst den Arm nicht bewegen, nicht um Hilfe rufen. Als dieser Anfall vorbei war – zwei, drei Minuten dauerte das nur, aber immerhin –, war mir eigentlich klar, daß das passieren mußte, denn die Anstrengung der Tournee war unglaublich. Unser Programm ist ja nun mal so aufgebaut, daß ich mich nie ausruhen kann. Es gibt ja sehr wenige Soli in unseren Arrangements. Ich muß die ganze Zeit die Sache als Galionsfigur durchziehen, singen, reden, kann mich kaum mal hinter einem anderen Mitmusiker ausruhen oder zurückziehen. Da ist es mir eben so ergangen, wie es den Managern in der Wirtschaft auch geht, daß der Körper sich irgendwann zu Wort meldet und sagt: Einspruch. Da wird man an die Grenze der eigenen Endlichkeit und Beschränktheit verwiesen.

Der andere Fall war komplexer und noch schlimmer. Wir spielten ein Konzert in Marburg, einer nicht einfachen Tournee-Stadt. Das Publikum ist verständlicherweise sehr studentisch geprägt, sehr verhalten. Die Leute machen auf mich den Eindruck, daß sie immer erst zum Nachbarn gucken, ob der auch klatscht, ob man sich das leisten darf, zu klatschen. Gegen Ende des Konzerts war die Stimmung dann in Ordnung, das Eis war gebrochen. Dann spielen wir «Glaubt keinem Sänger», und ein hitzköpfiger, rotgesichtiger Typ kommt quer durch den Saal an die Bühne gelaufen und schreit mich an: Es wäre eine Infamie, so was zu singen, er wäre so bitter enttäuscht von mir. Dann dreht er sich um in den Saal und schreit: Und ihr Arschlöcher klatscht auch noch! Und der ganze Saal voll von diesen reservierten, sich immer etwas besser dünkenden Studenten sagt nichts, hilft mir nicht. Dann habe ich versucht, mit ihm zu reden, versucht, ihm das Stück zu erklären. Er gab sich auch erst mal zufrieden. Dann spielten wir das nächste, ich mußte aber die ganze Zeit an ihn denken, hielt noch mal das Programm an, redete noch mal mit ihm, und dann war es auch gut.

Nach dem Konzert, ich hatte das schon fast vergessen, stand der Junge mit leuchtenden Augen hinter der Bühne und sagte mir: Das hast du völlig mißverstanden, ich habe überhaupt nichts gegen das Stück, auch nicht gegen dich, im Gegenteil, das ist eines meiner Lieblingsstücke. Der Punkt ist nur: Das Stück ist nur für mich, das darf niemand anderes hören. Und obwohl ich nicht Menschen vorverurteilen möchte, habe ich mir gesagt, das ist die Vorstufe, auf Sänger zu schießen. Irgendwann schießt mal einer und sagt mir dann, während ich verblute, ins Ohr: Tut mir leid, ich mußte dich leider erschießen; ich mußte dich nämlich davor bewahren, kommerziell zu werden; bist du mir dankbar? Mit diesem Gedanken im Kopf haben wir am nächsten Tag in Köln gespielt. In der ersten Reihe platzte ein Luftballon. Da ist mir das Herz stehengeblieben.

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