Cover des Lindenberg-Albums "Hut ab!"

1994

Text Udo Lindenberg
Musik Udo Lindenberg
Verlag Edition Westwind der FdH GmbH
 
Das Original stammt aus dem Jahre 1983 von Udo Lindenberg

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Odyssee

Kapitäne und Offiziere
und Millionen blinde Passagiere
treffen sich zur blauen Stunde
Valiumcocktails werden serviert
der Kompaß klemmt, die Navigatoren
haben schon lange jede Richtung verloren
die Nacht ist schwarz, der Nebel so dicht
und schon seit Jahren kein Land in Sicht
Das ist die Odyssee, Odysse – und keiner weiß wohin die Reise geht
Odyssee, Odyssee – weil der Wahnsinn am Steuer steht

Auf kugelsicheren Kommandobrücken
kranke alte Männer an eisernen Krücken
sitzen am Spieltisch, gierig und fett
spielen American-Poker und Russisch-Roulett
Wir sind auf Odyssee, Odyssee – und keiner weiß, wohin die Reise geht
Odyssee, Odysee – weil der Wahnsinn am Steuer steht
Und Kinder starren an der Reeling auf das Abendrot am Horizont
und sie haben Angst vor der ewigen Nacht,
daß die Sonne morgen früh nicht wiederkommt
Odyssee, Odyssee – und keiner weiß, wohin die Reise geht

 

Der Betriebsratsvorsitzende – ein Kollege gratuliert

Zu sagen, man käme als deutscher, speziell: deutschsprachiger, Rockmusiker an Udo Lindenberg vorbei – das käme dem lächerlichen Versuch gleich, Eulen nach Gronau zu tragen. Man muß ihn nicht einmal mögen, obgleich auch das alles andere als eine Schande ist: Die Rolle, die er seit einem Vierteljahrhundert in unserem Sprachraum einnimmt, ist in ihrer weitverzweigt anstiftenden Wirkung einzigartig. Nicht daß er stilbildend eine Schar von imitierenden Jüngern nach sich gezogen hätte – dafür ist seine Art des Vortrags denn doch zu eigen, zu untrennbar mit seinem Gestus, seiner "Denke" verknüpft – aber die Behauptung, daß mit ihm die Rockmusik in deutscher Sprache recht eigentlich begonnen hat, ist mittlerweile bewiesene Geschichte, ja Legende. Udo Lindenberg hat mit seiner Mischung aus Flapsigkeit, verletzter Zartheit und abwehrender Coolness Türen aufgemacht, von denen viele, die nach ihm kamen, gar nicht ahnten, daß sie vorhanden waren. Kein Guru, kein Übervater, vor solchen Vergleichen würde es ihn grausen – aber ein Wegbereiter, die Freiheitsstatue am Ausgang des Hamburger Hafens. Udo hat mir und zahlreichen Kollegen vorgemacht, daß das geht: Die glückliche, lockere Versöhnung unserer kantigen, knirschenden, konsonantenreichen Muttersprache mit der biegsamen, vieldeutigen, groovenden Musik der Leute aus Liverpool und Memphis, Tennessee, mit der Musik, die eben auch unsere Musik ist, uns in Fleisch und Blut übergegangen, aus den sprichwörtlichen Kofferradios an den sprichwörtlichen Baggerseen als seelische Infusion zu unserem Flugbenzin geworden, da wir keine eigenen unverdorbenen "roots" haben, auf die wir uns beziehen könnten, so appetitlich Carolin Reibers Décolleté auch aussehen mag. In einigen Vier-Augen-Gesprächen hatte ich das aufreibende Vergnügen, einen Udo Lindenberg kennenzulerneni, der sich für die atempausenkurze Dauer eines intensiven Gedankenaustauschs unbeobachtet, unverfolgt, unverstellt fühlte – die Gefahr, im monumentalen Schatten des eigenen Denkmals in Reptilienstarre zu verfallen, ist ihm mehr als bewußt. Bei diesen wenigen warmen Gelegenheiten erlebte ich einen nachdenklichen, leisen Hauptdarsteller, eine entwaffnend verunsicherbare Person, die auf schwindelerregende, lebensgefährliche Weise mit der von ihr selbst kreierten Kunstperson Udo zusammenfällt, sobald ein Dritter den Raum betritt. Hinter dem Killer mit den knallengen Lederhosen steht ein anderer, weitaus tieferer Mann, und daß der öffentlich einen Gürtel trägt, auf dem Panik steht, ist kein Zufall.

Lieber Udo, ich wünsche Dir alles Gute für die nächsten Fünfundzwanzig. Die Zeiten werden immer schneller, die Leute immer vergeßlicher, aber ein paar Künstlern wie Dir sollte es gelingen können, noch länger im Rodeo mit der Furie des Verschwindens die Oberhand zu behalten und im Sattel zu bleiben. Ich werde Dir nicht vergessen, daß Du Dich für mich – wie für viele andere Kollegen – schon interessiert hast, als ich noch ein ganz kleines Licht war. Hut ab, Udo. Nein, nicht Du. Laß ihn ruhig auf, wir sind alle eitel. Wir, Deine Kollegen, nehmen ihn ab. Vor Dir.

Kurzweilig ergriffen.

Dein Heinz Rudolf Kunze

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