Heinz Rudolf Kunze und Jan Drees

Vor Gebrauch schütteln: Jan Drees und Heinz Rudolph Kunze im Deutschen Theater. (Foto: Heller)

2011

Keule zum Rundumschlag ausgepackt

Ein sprachgewaltiger, musikalischer Abend hat ein teilweise ratloses, wenngleich amüsiertes Publikum zurückgelassen. Heinz Rudolf Kunze gastierte im Rahmen des Literaturherbstes im nahezu ausverkauften Deutschen Theater.

Begleitet von Gitarrist Jan Drees las Kunze aus seinem aktuellen Buch Vor Gebrauch schütteln. „Kein Roman“ steht auf dem giftig gelben Umschlag. Giftig wie der Inhalt, den Kunze seinem Protagonisten und Alter Ego Trubschacher in den Mund legt. Ein Roman ist es tatsächlich nicht, eher eine Gedankensammlung. Kurze Bemerkungen, gleichermaßen kritische Bestandsaufnahme, wütende Anklage und schonungslose Abrechnung. Thematisch eher ungeordnete Texte, die anrühren, betroffen machen, teils verstören.

„Wir wollen ein Buch schreiben, das wir gerne lesen würden erklärt Kunze zu Beginn und stellt klar: „Wir bin ich.“ Dann packt das Sprachgenie die Keule zum großen Rundumschlag aus. Lächelnd hebt er die Beatles auf den Sockel, während er die Beach Boys „eine flache, schlagernahe, karieserzeugende rechtsradikale Zuckergusskapelle aus mehrheitlich fettleibigen Schwerstgestörten“ schilt. Überhaupt scheint das Schlagergenre Kunze Bauchgrimmen zu bereiten, wenn man seinen Hasstiraden Glauben schenken mag. Musik zieht sich wie ein roter Faden durch die Lesung. Nicht nur in zahlreichen Beobachtungen Kunzes, sondern auch in persona von Jan Drees. Der Hamburger Instrumentalmusiker begleitet die Lesung mit sphärischen Klängen. Mit einer Loop-Box vervielfältigt er live seine Sounds, schichtet sie behutsam übereinander. Drees erzeugt dichte Klangbilder mit Plektrum, Münzen, Röhrchen, sogar mit Esstäbchen. Es entstehen fein gewebte Klangteppiche, zarte Melodien und, unter Einsatz eines Drumcomputers, betörende, beinahe psychedelische Kompositionen, die von den Besuchern mit großem Beifall gewürdigt werden.

Kunzes drastisch-deftige Wortwahl ruft Raunen im Zuschauerraum hervor, mitunter Lachen, changierend zwischen Verlegenheit und Befreiung. Er will es seinen Zuhörern nicht leicht machen, ihm zu folgen. Zu abstrakt bisweilen abstrus scheinen seine Gedankengänge. Der arg verschwurbelte Text vom Fischkampf, eine Art wortreiches Dalí-Gemälde, ruft Schweigen hervor. Das tragische Ende der Tierpflegerin, die in übertriebener Fürsorge das Gorillababy verhätschelt, gerät zum Glanzstück. Erleichterter Beifall brandet bei derb krachenden Verbalattacken gegen Reality-TV-Shows auf, die Kunze diebisch grinsend aufs Korn nimmt. „Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd“, zitiert Kunze ein mongolisches Sprichwort und so ist auch sein Abgang. Nach 85 Minuten ist Schluss: Danke, Verbeugung, Applaus, Licht an. Zugabe ist nicht – schade.

Christoph Mischke, Göttinger Tageblatt, 18. Oktober 2011

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