Heinz Rudolf Kunze

2005

Nach diesem Zeitungsartikel gab es zum Teil sehr heftige Reaktionen, viele Leserbriefe und eine offizielle Stellungnahme von Heinz Rudolf Kunze zu dieser Diskussion.

Den kompletten Sprechtext Was macht eigentlich können Sie exklusiv auf der Homepage von Heinz Rudolf Kunze lesen.

Jesus als "zölibatäre Uknudel"

Heinz Rudolf Kunze gab ein literarisches Konzert in der Martinskirche

"Ich hin der mit dem Geistgegrunze, ich bin Heinz Rudolf Kunze." Mit einer ironischen Selbstvorstellung für 250 Zuschauer öffnete Heinz Rudolf Kunze sein literarisches Programm amm Sonntagabend in der Martinskirche In Bad Hersfeld.

Unter dem Titel Bockwurst und Schadenfreude tourt den Musiker und Literat für ein paar Termine durch Deutschland. Begleitet von Wolfgang Stute an der Gitarre spielte sich Kunze in zehn Liedern durch seine gesamte Schaffenszeit. Das Programm: Eine halbe Stunde Lesung aus seinem neuen Buch, dann fünf Songs. Nach 20 Minuten Pause das gleiche nochmal, fertig ist der Pop-Poetische Abend.

Kunzes neues Buch erscheint zur Frankfurter Buchmesse im Herbst und enthält Kunze-typische Kurzprosa, die sich teils sensibel und wortgewandt, teils derb-deftig mit der Gesellschaft als solcher beschäftigt. Da wird die Ehe zu "Lebensabschnittsgefährdung" und der Begriff "Kraft durch Freude" zum "semantischen Tschernobyl".

"Manche Zähne sind nach dem Bleichen so weiß wie fabrikneue Kloschüsseln" wirft Kunze in den Raum. Da sogenannte "Bleeching" gehöre heutzutage zum guten Ton. Dazu muss man nur "die Fresse halten, und zwar offen!" Kunze sagt, was er denkt, und die Zuschauer biegen sich vor Lachen, das ihnen auch schon mal im Halse stecken bleibt, denn Kunze bezieht in seinen Werken Stellung. "Mit einer Frau zu diskutieren ist wie einem Pony altgriechisch beizubringen", meinte er und für Deutschland besteht "ein begründeter Anfangsverdacht auf Hoffnung." Auch wenn sein Sohn "am Wochenende alkpoppen geht."

Dass er in einer Kirche gastierte, scherte Kunze wenig. "Was ist eigentlich aus Jesus geworden", fragt er harmlos, nur um ihn anschließend blasphemisch als "zölibatäre Ulknudel" zu bezeichnen und festzustellen, dass man lange nichts mehr von ihm gehört habe, nach all den Wundern, die er vollbracht hätte: "Schade, dass eine solch vielversprechende Karriere so früh endete."

Seine Lieder hatte Kunze auf das musikalische Minimum reduziert. Zwei Gitarren, ab und zu ein wenig Percussion, sonst nichts. Vom Balkonfrühstück über Manchmal bis hin zum aktuellen Song für den Evangelischen Kirchentag Mehr als dies, gab Kunze einen Querschnitt durch sein Repertoire. Auf seine großen Hits Mabel oder Dein ist mein ganzes Herz verzichtete er. Sein Begleiter Wolfgang Stute bearbeitete seine Konzertgitarre virtuos und bewies sich als Generalist, der sowohl im Flamenco, als auch in der Rockmusik heimisch ist.

Der Eintritt kostete nur fünf Euro, was den zahlreichen Sponsoren, darunter auch die Konfirmandeneltern, zu verdanken war.

Bevor Kunze die Bühne betrat, spielte "Emporion", eine dreiköpfige Band aus Konfirmanden der Martinskirche, ein beeindruckendes "Knocking on heavens door."

Florian Grösch, Hersfelder Zeitung, 22. März 2005

Kritik an Kunze

Pröpstin Natt und Dekan Brill: "Religiöse Gefühle verletzt"

In einer gemeinsamen Presseerklärung distanzieren sich Pröpstin Marita Natt und Dekan Ulrich Brill von einem Konzert mit Heinz Rudolf Kunze in der Bad Hersfelder Martinskirche am vergangenen Sonntag.

Mit Entsetzen und Unverständnis reagierten demnach beide auf das literarische Konzertprogramm, als sie die Berichterstattung darüber in der Hersfelder Zeitung unter der Überschrift "Jesus als zölibatäre Ulknudel" gelesen hatten, welche einem Zitat des Künstlers entlehnt war.

Durch diese und andere Äußerungen Kunzes, die die Pröbstin und der Dekan im Zusammenhang mit dem Leben und Wirken Jesu als beleidigend empfunden haben, fühlten sich beide in ihren religiösen Gefühlen verletzt. Sie verweisen darauf, dass sie diese Empfindung mit vielen anderen evangelischen und katholischen Christenmenschen in Bad Hersfeld und Umgebung teilten. Besonders kritisch äußerten sich Nett und Brill auch zum Veranstaltungsort. Ein solches Konzert entspreche in keiner Weise dem Charakter der am Palmsonntag beginnenden Karwoche, sei mit dem Ernst der Passion Jesu unvereinbar und habe in einer Kirche nichts zu suchen.

In einem Brief der Pröbstin an den Kirchenvorstand der Martinskirche heißt es unter anderem: "Gerne möchte ich mit Ihnen (...) über Ihre Eindrücke sprechen und darüber, was wir unseren Christengemeinden zumuten, dürfen."

Unverständlich sei auch, wie jemand, der an der musikalischen Gestaltung und einer Bibelarbeit beim Evangelischen Kirchentag in Hannover mitwirke, grundlegende christliche Glaubensinhalte derart verspotten könne.

Hersfelder Zeitung, 26. März 2005

Gott lässt sich nicht spotten

Spaß muss sein, das ist die Maxime nach der heutzutage vieles läuft, auch wenn man dabei erbarmungslos auf dem herumtrampelt, was vielen Menschen, kostbar und heilig ist. Damit müssen sich Christen abfinden, denn im Namen der sogenannten Kunst kann jeder Schwachsinn und Hohn hinausposaunt werden. Und das weiß wohl Herr Kunze auch. Ob er wohl auch couragiert genug wäre, in dieser Weise den Gründer des Islams zu verspotten?! Ich bezweifle es, denn er will ja nicht ein Opfer islamischer Selbstjustiz werden. Das wirklich Ungeheuerliche aber an dieser Sache ist, doss solches nun auch mehr und mehr in kirchlichen Räumlichkeiten geschieht. Was für eine Schizophrenie! Einerseits soll in der Kirche der Name des Herrn und Erlösers verkündigt und angebetet werden, andererseits lässt man in den gleichen Räumlichkeiten ein "literarisches Konzert" stattfinden bei dem, auch noch in der Passionszeit, der Sohn Gottes sein Heilswerk – und damit auch Gott verspottet wird ... Und dann wundert man sich auch noch, warum sich mehr und mehr Leute von Kirche abwenden. Oder war das ganze vielleicht als eine Aktion gedacht, die Kirche wieder attraktiver zu machen?

Ich frage mich wirklich, was Geistes Kinder die Verantwortlichen sind und was sie sich dabei gedacht haben? Und was Herrn Kunze betrifft, so kann ich ihm nur wünschen, dass er zur Umkehr kommt, denn sonst wird er eines Tages dem Rechenschaft geben müssen, den er als "zölibatäre Ulknudel" verhöhnt hat; denn Gott lässt sich nicht spotten.

.Rüdiger Bernstein, Prediger, Landeskirchliche Gemeinschaft
Leserbrief, Hersfelder Zeitung, 29. März 2005

Geradezu dekadent

In welch einer Weit leben wir eigentlih? Reicht es nicht schon, dass in der Politik Moral und Anstand zu wünschen übrig lassen?[ Kann es dann angehen, dass zu Beginn der Karwoche am Palmsonntag ein Herr Kunze als derzeit nicht unbekannter Künstler der deutschsprachigen Musik einen Auftritt in einer Kirche hat, der katastrophaler nicht sein konnte, nach dem, was in der HZ zu lesen war ("zölibatäre Ulknudel" U. m.). Darf es sein, dass die Gefühle gläubiger Christen so verletzt werden? Ich finde das zutiefst beschämend, ja geradezu dekadent und denke dass man sich nicht zu wundern braucht, wenn Kirchenaustritte zunehmen und die Gottesdienstbesuche immer geringer werden.

Helga Völker, Kirchenvorsteherin der Stadtkirchengemeinde
Leserbrief, Hersfelder Zeitung, 29. März 2005

Osterspazierung fiel aus

Mit Dein ist mien ganzes Herz im Kopf besuchte Ich am Sonntag (Palmarum) das literarische Konzert von Heinz R. Kunze. Zu hören bekam ich Texte, die von einer tiefen Bitterkeit zeugten. Es war wenig Heiteres zu vernehmen. Von daher bezogen sich die zahlreichen Lacher auf seinen Wortwitz, das Spiel mit der Sprache. Dort, wo ich noch Abenddämmerung sah, zeichnete Kunze tiefschwarze Nacht. In diesem Zusammenhang muss auch die ,"zölibatäre Ulknudel" gesehen werden. Nicht Jesus ist eine zolibatere Ulknudel, sondern wir Menschen machen ihn zu einer solchen.

Das virtuose Gitarrenspiel von Wolfgang Stute am Anfang und die Songs am Ende des Vortrags versöhnten mich wieder mit dem "alten HRK". Die Frage, ob HRK sein literarisches Kabarett mit seinen sarkastischen Untertönen in einem Kirchenraum präsentieren darf, kann ich nur bejahen. Die Leserbriefe der vergangenen Tage sind Legitimation genug.

Der Kirchenvorsteher der Martinskirche hatten sich sicherlich auf einen Osterspaziergang eingstellt. Dass sie so öffentlich, und bevor ein Gespräch stattgefunden hat, zu einem Gang nach Canossa eingeladen werden, finde ich einen bemerkenswerten Umgang miteinander. Ich höre schon jetzt den Hahn dreimal krähen. Genauso bemerkenswert empfinde ich die Kritik der Personen, die diesen Vortrag nicht besucht haben. Was Jesus wohl dazu zu sagen hätte?

Jürgen Opfer
Leserbrief, Hersfelder Zeitung, 30. März 2005

Viele Deutungen möglich

Im Konfirmandenunterricht haben wir u. a auch über das Osterfest gesprochen und uns Gedanken gemacht. In der Ostergeschichte wird beurteilt und verurteilt. Frau Pröbstin Natt und Herr Dekan Brill beurteilen das Konzert von Heinz Rudolf Kunze, ohne es selbst gehört und erlebt zu haben. Sie verurteilen aufgrund von Gerüchten und Zeitungsartikeln.

Das Konzert gab viele Möglichkeiten für persönliche Interpretationen der Texte, nicht als eine ldee von Herrn Kunze, sondern als Zitat eines Journalisten der Jesus aus der heutigen Sicht beurteilt, verstanden. Für mich bekommt der Satz so genau einen gegenteiligen Sinn.

Ich finde, das Konzert war ein guter Beginn der Karwoche, denn nicht immer geben Rituale Antworten auf Fragen. In Bezug auf die Gedanken zum Sonntag von Frau Pröpstin "Ostern ist, wenn Steine weichen" (gleiche Zeitung) habe ich das Gefühl, hier wmrden welche in den Weg gelegt.

Konstantin Volkmann, 14 Jahre
Leserbrief, Hersfelder Zeitung, 30. März 2005

Presseerklärung vom 27. März 2005

Es ist traurig und ermüdend, sich immer wieder mit den gleichen Erscheinungsformen von geistiger Hartleibigkeit herumschlagen zu müssen. Waren diese Leute, die sich jetzt "verletzt" fühlen, in meinem Konzert? Haben sie jemals mit mir gesprochen? Nein. Ich kann mich nur an ausnahmslos begeisterte Zuhörer erinnern.

Jeder zurechnungsfähige Deutschlehrer sollte bereits einem Sechstklässler vermitteln können, dass man die Meinung des Autors nicht mit dargestellten Meinungen verwechseln darf. Meine Aufgabe als Dichter ist es, die ganze Welt zur Sprache kommen zu lassen. Das heißt auch, mit Meinungen zu spielen. Das heißt nicht, die Leser mit meiner Privatmeinung zu belästigen. (Die übrigens die eines Menschen ist, der jeden Tag betet.) Bei theologisch vorgebildeten Individuen hätte ich eigentlich erwartet, dass dieses primitivste Missverständnis im Umgang mit Literatur nicht auftritt. Wenn ich Jesus als "Ulknudel" bezeichne, spiele und zitiere ich die Spezies des neudeutschen zynischen Medienarschlochs. Nicht mehr und nicht weniger. Dass das lustig sein kann, nehme ich in Kauf.

Dass Pfarrer Barthelmes und der Kirchenvorstond der Martinskirchengemeinde, großartige Gastgeber mit Humor, Herz und Verstand, jetzt öffentlich angerempelt werden, ist eine Unverschämtheit. Ohne Menschen wie sie wäre die Kirche längst tot.

Durch meine Zusammenarbeit mit dem Evangelischen Kirchentag hatte ich schon geglaubt, das leitende Personal bestünde ausschließlich aus so freundlichen, aufgeklärten Leuten wie dem Umfeld von Frau Bischöfin Käßmann. Aber die Pharisäer sind offensichtlich nicht kleinzukriegen.

Letztlich ist es mir egal, was Leute mit Heckenschützenmentalität von mir halten. Und als – natürlich rein poetisch gemeinte – Schlussbemerkung: Ich lasse mir die Korintherbriefe nicht von Korinthenkackern vermiesen. So sind wir halt, wir Künstler. Für einen guten Kalauer würden wir jederzeit unsere Großmutter verkaufen. Das ist unsere satanische Achillesferse. Und wir sind stolz darauf.

Heinz Rudolf Kunze
Hersfelder Zeitung, 30. März 2005

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