Heinz Rudolf Kunze 2003

2003

Das Interview wurde drei Wochen vor Kriegsbeginn im Irak geführt und erst nach Kriegsbeginn veröffentlicht!

Der Germanisten-Rocker

Heinz Rudolf Kunze über Arbeitseifer, Animositäten zu Grönemeyer und seine politische Grundeinstellung.

Wer hinter auffälligen Brillen, unter bunten Kopfbedeckungen und bei fehlender Scheu vor provokanten Songtexten bei einem deutschen Liedermacher automatisch linke Positionen in Politik- und Gesellschaftsthemen vermutet, liegt damit zumindest bei Heinz Rudolf Kunze völlig falsch. Der gratuliert lieber seinem Duz-Freund Christian Wulff zum Wahlsieg, wirbt um Verständnis für die Haltung der Amerikaner im Irak-Konflikt und rät seinem ehemaligen Parteifreund Gerhard Schröder zum Rücktritt. Nebenbei schreibt er Bücher (dieser Tage erscheint Vorschuss statt Lorbeeren) und produziert ein Album nach dem anderen, denn: "Schon, wenn mir eine Woche lang nichts einfällt, werde ich sehr nervös."

ABENDBLATT: Rückenwind, das demnächst erscheint, ist Ihr 23. Album – bleibt bei so viel Output nicht der Input auf der Strecke?

KUNZE: Nein. Ich bin immer wieder geschmeichelt und verwundert, wenn man mich als Arbeitstier bezeichnet. Ich bin eigentlich ziemlich faul.

ABENDBLATT: Dabei schreiben Sie nicht nur Songs, sondern auch Bücher - was haben Sie zu sagen, das man nicht in einen Refrain verpacken kann?

KUNZE: Im Grunde sind es die gleichen Ideen und Inhalte, aber manche Ideen möchte man einfach keinem Reimschema unterwerfen. Meine Prosa ist vielleicht so eine Art verbaler Freejazz. Ich fange mit einem kleinen Motiv an und guck dann, wohin es mich führt. Aber man kann sich natürlich auch auf den Standpunkt stellen, das, was in drei Strophen nicht gesagt ist, vielleicht lieber gar nicht gesagt werden sollte ...

ABENDBLATT: Was macht Westernhagen und Grönemeyer chartkompatibler als Kunze?

KUNZE: Das weiß ich auch nicht. Im Grunde arbeiten wir schon irgendwie vergleichbar. (grinst) Vielleicht ist es einfach meine außergewöhnliche Erlesenheit.

ABENDBLATT: Sie drei sind eine Generation. Haben Sie sich viel zu sagen? Gibt es Austausch?

KUNZE: Wir kennen uns natürlich alle, das bleibt nicht aus, wenn man in der Musikbranche arbeitet. Zu Marius habe ich ein gutes Verhältnis, ich weiß, dass ich zu den wenigen gehöre, die das von sich sagen. Zu Herbert habe ich kein gutes Verhältnis.

ABENDBLATT: Warum das nicht?

KUNZE: Er mag mich nicht. Die seltenen Begegnungen laufen ziemlich frostig ab.

ABENDBLATT: Müller-Westernhagen gilt als "Kanzlerfreund". Was halten Sie von so einer Nähe zwischen Musiker und Politiker?

KUNZE: Ich finde sie bedenklich, obwohl ich selbst nicht ganz frei davon bin. Aus dem Niedersachsenwahlkampf habe ich mich völlig herausgehalten, weil ich sowohl zu Sigmar Gabriel als auch zu Christian Wulff ein sehr gutes persönliches Verhältnis habe. Christian Wulff hat meine Eltern sogar schon persönlich zum Konzert chauffiert. Ich habe nach der Wahl beiden einen Brief geschrieben, dem Christian, um ihm zu gratulieren – dem Sigmar, um ihn etwas zu trösten.

ABENDBLATT: Sie waren Mitglied in der SPD, sind dann ausgetreten. Was müsste passieren, damit Sie wieder eintreten?

KUNZE: Helmut Schmidt müsste Kanzler werden.

ABENDBLATT: Sie werden immer wieder gern einer "linken Intellektuellenszene" zugerechnet ...

KUNZE: Ja, aber da gehöre ich gar nicht hin! Ich bin eher wertkonservativ. Aber es gibt keine Partei, die meine Meinung hundertprozentig abdeckt. Ich kann ganz gut damit leben, mir meine Wahrheiten hier und da zusammenzusuchen.

ABENDBLATT: Kann denn eine deutsche Friedensbewegung mit Ihnen rechnen?

KUNZE: Insofern nicht, als dass ich nicht bereit bin, Amerika zu dämonisieren. Ich glaube nicht, dass die Dinge so einfach sind. Es ist zu plump, den Bush als durchgedrehten Cowboy anzusehen. Ich glaube, dass Rumsfeld und Bush immer noch in der Lage wären, "Nein" zum Krieg zu sagen, wenn sie denn einen anderen Weg sähen. Die sind keine Monstren, sondern Leute, die einer gewissen politischen Logik und Sachzwängen unterliegen.

ABENDBLATT: Mit dieser Ansicht sind Sie in Künstlerkreisen eher Außenseiter und Provokateur.

KUNZE: Ja, man hat links zu sein. Aber ich warne davor, das deutsch-amerikanische Verhältnis zu ruinieren. Im Übrigen halte ich vieles, was in Künstlerkreisen so geäußert wird, für leere Floskeln. Ich glaube, dass die alle heimlich CDU wählen.

ABENDBLATT: Sie auch?

KUNZE: Ich habe FDP gewählt.

ABENDBLATT: Es gab kürzlich ein Treffen zwischen Künstlern, Intellektuellen und dem Kanzler. Wären Sie eingeladen gewesen - was hätten Sie ihm gesagt?

KUNZE: Dass er zurücktreten soll. Ich halte ihn für einen außenpolitischen Dilettanten. Er benimmt sich wie die Axt im Walde.

 

Maike Schiller, Hamburger Abendblatt, 17. März 2003

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