Heinz Rudolf Kunze während eines EXPO-Konzerts 2000 (Foto von Gerald Erdmann)

2000

Rede zur Abschlußveranstaltung des Schülerwettbewerbs "Meine Welt 2020 – Reportagen aus der Zukunft", 13. September 2000, auf der EXPO 2000 in Hannover

Meine Welt 2020

Liebe Schüler, meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich will nicht behaupten, daß ich von der Zukunft keine Ahnung habe. Ahnungen treiben mich durchaus um, ungute allzumal, aber was einigermaßen gesichertes Wissen betrifft, muß ich doch bekennen, daß ich kein Prognosenpapst, kein Statistikenfresser und einzig auf meine Phantasie angewiesen bin – von der Zukunft verstehe ich nicht viel. Und das Wenige, was ich zu verstehen glaube, bereitet mir mehr Sorgen als Vergnügen; das mag an mir liegen. Ich bin knapp vor dem Millenium-Wirbel 43 Jahre alt geworden und mache seit 20 Jahren Musik und Texte, die ich dann auch noch selber vortrage. Man nennt das wohl, in Ermangelung eines treffenderen Ausdrucks und im unbeholfenen Schubladendenkersprech einen "Deutschrocker". Mit 43 Jahren hat man alle seine entscheidenen Prägungen hinter sich; ich bin also voll und ganz ein Mensch des vergangenen Jahrhunderts, ja Jahrtausends. Zukunft, liebe Schüler, das ist weitgehend eure Sache. Ihr habt bei diesem Wettbewerb bewiesen, daß Ihr Euch diese Sache zueigen gemacht, "einverleibt" habt, wie Friedrich Nietzsche, auf seine Art ein Zukunftsforscher des 19. Jahrhunderts, sagen würde. Ich darf auf Eure Ergebnisse gespannt sein und hoffen, daß ich noch möglichst lange Schritt halten, begleiten, verstehen und lernen kann. Es war alles andere als ein uninteressantes Jahrhundert, das zwanzigste, das wißt Ihr. Aber aufs ganze Leben hin gesehen ist es für Euch doch mehr oder weniger "Geschichte", Euer Blick geht nach vorn, und das ist nicht nur natürlich, sondern auch gut so.

Wenn ich hier vor Euch stehe, als Festredner verpflichtet, in feierlichem Rahmen und unter medialer Aufmerksamkeit, überfällt mich der Gedanke, daß ich nur haarscharf einem Schicksal entronnen bin, das mich dazu hätte verdonnern können, so etwas wie heute mit ermüdender Regelmäßigkeit tun zu müssen, die sicherlich zu Taubheitsgefühlen, Routine, und schwer zu unterdrückendem Einschlafreiz auf beiden Seiten des Pultes geführt hätte: Nicht viel hat gefehlt, und ich wäre heute Schuldirektor, sagen wir mal: des Käthe-Kollwitz-Gymnasiums in Hannover, dort habe ich mal Lehrer gelernt. "Direx" nannte man den damals; gibt es diesen Ausdruck eigentlich noch? Und: hielte so ein Direx heute überhaupt noch gravitätische Abschlußreden oder werden die Abizeugnisse mittlerweile bereits cool mit der Post verschickt? Ihr merkt, Sie merken schon: Ich bin nicht mehr so recht im Thema drin, mein Examen als Gymnasiallehrer ist inzwischen 20 Jahre her, so vieles hat sich verändert und mein exzentrischer Beruf hebt mich soweit aus den normalbürgerlichen Lebenszusammenhängen heraus, daß ich bei vielem gar nicht mehr kenntnisreich mitreden kann und auf Mutmaßungen bauen muß. Sicher, ich habe als Musiker kontinuierlich Kontakt auch zu "Kids"; ohne mich krampfig als Berufsjugendlicher gebärden zu müssen, bin ich bei der Ausübung meines Jobs in der Konzertsituation mit Jugend konfrontiert, denn sie macht zumindest einen Teil meines Publikums aus; die Mehrheit freilich, das will ich nicht verschweigen, ist einigermaßen erwachsen, zumindest wenn man danach geht, was im Ausweis steht. Allerdings ist das, was da stattfindet, keine wirkliche Kommunikation. Ich singe, ich biete mit meiner Band etwas dar, und die Leute haben kaum eine andere Chance zu reagieren als durch Applaus. Das kann zwar wunderschön sein, und in den besten Augenblicken ereignet sich so etwas wie eine Kommunion, aber dieser mystische Glücksmoment kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß es sich um Einbahnstraßenverkehr von der Bühne herab ins Publikum handelt. Was die jungen Leute wirklich denken, was ihre Prioritäten sind, welche Codes sie verwenden, erfahre ich allenfalls in gelegentlichen Gesprächen vor und nach Auftritten, durch Zuschriften und eben auch, ich gebe es genervt und überfordert zu, durchs Internet.

Mein Abitur liegt ein Vierteljahrhundert zurück. Damals, 1975, war die Welt, wieviele leichthin und wohl auch verklärend sagen, in Ordnung: Es gab schwarz und weiß, oben und unten, Amerikas Freie Welt und den sowjetischen Ostblock, die BRD und eine DDR, die für die meisten weiter entfernt war, und unbewohnbarer erschien als der Mond. Die Terroristen nannten sich RAF, mißachteten die rechte Vorfahrt und kamen wie es sicht gehörte von links – behaupteten und empfanden sie jedenfalls, bis in ihren kollektiven und exklusiven Gruppenwahnsinn hinein. Computer waren mehr oder weniger ein Gerücht, man kannte sie höchstens aus durchgeknallten Spionage- oder Science-Fiction-Filmen. Jobs gab es noch in Hülle und Fülle, obgleich ich mich zu erinnern meine, daß das schon allmählich bröckelte. Die Zukunft erschien uns als eine einigermaßen planbare Angelegenheit, jedenfalls nicht als beunruhigende Vorstellung; für das Wort "Perspektivlosigkeit" hätten wir wenig Verständnis gehabt, das hätte für uns nach einem Problem der modernen Malerei geklungen. Und "flexibel" war keine Anforderung an jeden Einzelnen, unter der viele, die sich nicht so leicht verbiegen können oder lassen, zerbrechen (das gehört zu den gar nicht mal so wenigen Dingen, wo Oskar Lafontaine recht hatte), sondern ein Modewort des frühen Udo Lindenberg. Über das Dasein als Sorge im Sinne Heideggers ließ sich in philosophischen Seminaren trefflich und entspannt diskutieren, denn das betraf uns nicht. Unsere Sorgen waren beherrschbar. Das "No Future" der Punk-Ikonen Sex Pistols mochte im verslumten England, dessen Lebensstandard kaum höher war als der in der DDR, einen handfesten Sinn machen; als der Schlachtruf aber in unserer wohlständigen Heimat ankam, war er längst zum manieristischen Trend ausgedünnt.

All das hat sich, wie Ihr und Sie wissen, geändert, die Zeiten sind härter geworden. Lassen wir einmal die ganz großen Themen des nicht nur im Sommer spielenden Theaters beiseite, reden wir mal nicht über Arbeitslosigkeit, Rechtsradikalismus und schmelzende Polkappen, überlassen wir das für heute den vielen üblichen Betroffenheitsposaunisten. Anlaß zur Sorge ist überall, und ob wahrhaftig in dem Ausmaß, in dem Übles anschwillt, auch das Rettende wächst, wie Friedrich Hölderlin einst in einer Art Selbstüberredungsgospel gedichtet hat, muß zumindest bezweifelt werden, wenngleich Ihr, liebe Schüler, dazu schon eine ganze Menge von dem Euch Möglichen beigetragen habt. Die Rasanz und Brisanz der Veränderungen überanstrengt nicht nur alte Menschen und meine mittlere Generation – auch Euer Wahrnehmungs- und Reaktionsvermögen muß permanent an der Overload-Schwelle funktionieren. "Jede Woche eine neue Welt" wird uns in der Tschibo-Reklame angedroht. Wer soll da noch mitkommen – Embryos?

"Big brother is watching you" war die Formel, auf die man George Orwells Negativ-Utopie "1984" aus den vierziger Jahren bringen konnte. Das entsprechende Jahr haben wir ohne Weltuntergang rumgekriegt, ich empfand es nicht als besonders bemerkenswert, obwohl mir nicht entging, daß viele, die das Buch gelesen hatten, die zwölf Monate mißtrauisch beäugten und aufatmeten, als es vorüber war. Ich brachte damals ein Album mit dem Titel "Ausnahmezustand" heraus, aber der herrscht in meinem Beruf eigentlich immer. Heute allerdings werde ich den Eindruck nicht los, daß er für alle zum Dauerzustand geworden ist; die Postmoderne (ich weiß, der Begriff ist so unglücklich wie das, was er beschreibt, aber ein weniger Hinkender scheint mir immer noch nicht gefunden zu sein) geht über unsere Kräfte. Big Brother watcht uns zwar immer noch, mehr denn je vermutlich, bläßt uns gläsern bis in die Gene – aber wir watchen zurück, und was wir dabei sehen, ist unsere eigene entsetzliche Leere; so kann wirklich nur ein Abgrund gähnen. Mit der Einführung von "Big Brother" ist dem Fernsehen ein Quantensprung in die Finsternis der Besinnungslosigkeit gelungen. Die Unverschämtheit – das Wort "Schamlosigkeit" wäre unangebracht nobel –, mit der dort fleischgewordene Nichtigkeiten ihren Spreiz-Schritt präsentieren, ist eine neue Qualität, die Demokratie hat ihren Nullpunkt, ja Gefrierpunkt erreicht: Die Inthronisierung des Abschaums, oder wie ich schon vor dem Comeback von Modern Talking wußte: Dieter Bohlen ist der Preis der Freiheit. Klaus Bresser, emeritierter ZDF-Chefredakteur, sagte in seiner Abschiedsrede, er könne die Zlatkoisierung des Fernsehens nur noch zum Kotzen finden. Starke, willkommene Worte – aber die finden sich offenbar leichter, wenn man seine öffentlich-rechtliche Zukunft hinter sich hat.

Ein anderer Aspekt der galoppierenden allgemeinen Verschwachsinnigung, und in dieser Angelegenheit vereinnahme ich Euch und Sie kurzer Hand zu Mitmenschen und Kreuzrittern der Vernunft: die Rechtschreibreform. Dies dürfte so ziemlich die einzige Frage sein, die weder für mich noch für Marcel Reich-Ranicki offen ist. Ansonsten schätze ich die Ansichten dieses keifenden, in der deutschen Literaturszene viel zu fürchterlich einflußreichen Kalkraben nicht, aber wo er Recht hat, hat er Recht: Diese Attacke auf das kostbarste verbindliche Allgemeine, was wir haben, auf unsere Sprache und Schrift, ist inhaltlich in vielen Punkten sinnentstellend bis irrsinnig, und die Art und Weise, wie sie durchgesetzt wurde, undemokratisch, ja totalitär. Lediglich in Schleswig-Holstein wurden die Menschen, die es schließlich angeht, befragt – und dann hinterrücks um ihr ablehnendes Votum betrogen. Die Rechtschreibreform ähnelt einer behördlich angeordneten Verschmutzung des Trinkwassers. Der Zeitgeist grinst: Man schreibt wieder konsequent SS in Deutschland. Klang das SZ zu sehr nach SBZ? Ich bitte um Verständnis für meine erregte Wortwahl. Hier geht es um mehr als mein Handwerkszeug, hier geht es um ein Lebensmittel. Die Rechtschreibreform ist ein Stück gelungene Zukunftsvernichtung. Auch Sprache ist ein Biotop. Auch Sprache ist ein Regenwald. Die FAZ mit ihrem mutigen Nein ist die wahre TAZ unserer Tage. Gepriesen seien die klugen Köpfe, die hinter ihr stecken.

Besorgniserregende Befunde, meine ich. Hoffentlich fordern sie Euch, liebe Schüler, heraus. Oder sollte Peter Handke mit dem trostlosen Fazit seiner Schriften zum Jugoslawien-Krieg Recht behalten? Hat die Geschichte, jahrhundertelang verstanden als eine "Bewegung auf ein Licht zu", fürderhin für immer etwas "Ausgeträumtes, Untotes, Gefälschtes"? Ist es so weit gekommen, daß jegliche öffentliche Verständigung zur Verlautbarung von "Wort- und Bildpornographie" verkommt? Für Handke sind die jetzigen Machthaber, die 68er, die einst antraten mit der Maxime "Die Phantasie an die Macht", Übelwoller ohne jede Einbildungskraft: "Das Zeitalter der Informationen ist vorbei", konstatiert er bitter. Ich appelliere an Euch: Widerlegt meinen Lieblingsschriftsteller.

Vor 100 Jahren und drei Wochen starb Friedrich Nietzsche, einer der folgenreichsten und gerade heutzutage wieder akutesten Denker der überschaubaren Vergangenheit. Peter Sloterdijk, der bedeutendste lebende deutsche Philosoph, nannte ihn unlängst einen "Individualismusdesigner"; eigentlich gehört seine Gipsbüste in unseren entsolidarisierten, einzelkämpferischen Zeiten auf jeden Computerbildschirm. Kultur, Bildung, Kreativität standen für Nietzsche lebenslang weit über Staat und Ökonomie, er sah den Vorrang des Geistes und der Phantasie sehr, wir würden heute sagen: elitär. Der Einzelne war ihm wichtiger als die Einzelnen, Demokratie unterliegt immer der Verflachungs- und Vermassungsgefahr; Lichtgestalten, Vordenkern ist sie abhold. Für ihn war ausgemachte Sache: Die Mehrheit wird immer mechanische, abgestumpfte Arbeit verrichten müssen, nur auserlesene Wenige können Schöpferisches vollbringen. Kultur verdankt sich somit einer prinzipiellen Ungerechtigkeit – deswegen darf derjenige, der ihr Privileg genießt, nicht hochmütig sein, er muß diesen Schuldzusammenhang anerkennen. Nietzsche sah schlechte Zeiten für die Kreativität heraufziehen: Entweder wird sie im Kampf um mehr Gleichheit und soziale Gerechtigkeit als nutzloses Glasperlenspiel geopfert und verschlungen oder sie verliert ihre Würde durch anbiederndes politisches Engagement. Schafft Mythen! war sein leidenschaftlicher Ruf an die besten, gerade auch jungen Köpfe seiner Zeit, endet nicht als nihilistische Egoisten, für die nur zählt, was sich rechnet. Er war ein entschiedener Nützlichkeitskritiker: Der begabte junge Mensch darf nicht zum Teilchen einer Wissenschaftmaschine rundgeschliffen werden, diese Maschine kann kein gelingendes Leben herstellen. "Das Wissen muß seinen Stachel gegen sich selbst kehren", Wissenschaft soll Bescheidenheit, Leidenschaft Ganzheitsheit lehren, nur beides zusammen kann den Menschen ausmachen. "Du sollst Herr über dich werden" – damit meint Nietzsche weit mehr als bürgerlich-biedermeierliche Selbstbegnügung, eher ihr souveränes Gegenteil. Das Denken soll nach Hause führen, wo dann als Belohnung die temporäre Entlastung vom Tüchtigsein wartet: die Kunst. Nietzsche war ein Radikaler jenseits aller Gesäßgeographie. Der Mensch ist das "nicht festgestellte Tier", ein Wesen vor ungeheuerlich offenen Horizonten. Zu seiner Zeit hatte sich die Jugend erwachsen zu gebärden; jung zu sein war ein Karrierenachteil. Seit Nietzsche muß sich eher das Alter gegenüber Erstarrungsvorwürfen rechtfertigen. Für diesen Denker war Erfolg mehr als Karriere. Um Vervollkommnung geht es ihm, ums Schaffen und Erschaffen, nicht ums Nachahmen und Schaffe-schaffe-Häusle-baue. Stünde er jetzt hier, würde er in der Tat bebend ausrufen, was die 68er in den Mühen der Ebene und der Melancholie des etablierten Altwerdens vergessen haben: "Die Phantasie an die Macht!"

Liebe Schüler, laßt Euch nicht irremachen von dem mißverständlichen Spruch, heute müsse man hauptsächlich das Lernen lernen, die Halbwertzeit des Wissens verkürze sich ständig. Wissen ist kein kontaminiertes, sondern golden strahlendes Material, für das man freilich kein Endlager (furchtbares Wort), sondern nur provisorische Zwischenlager braucht. Es schadet beileibe nichts, wirklich was zu wissen. Das Lernen lernen? Ja gut (Zitat: Beckenbauer), aber warum dann nicht gleich auch das Lernen lernen lernen, das Lernen lernen lernen lernen und so weiter? Die Gefahr ist beträchtlich, daß man bei solcherart Suchen das Finden versäumt, daß man in einem Zerrspiegellabyrinth der Unverbindlichkeit endet – mit nichts als heißer Luft im Kopf. Lernt einfach. Ein Leben lang. Dann könnt ihr nichts falsch machen.

"Reportagen aus der Zukunft" habt Ihr uns mitgebracht; ihr wart also schon da. Das meine ich ernst: Vieles, ja das meiste, was der Mensch sich ausdenkt, wird wahr. Möge durch Eure – das Wort ist angebracht – Visionen der Begriff Utopie seine düstere Orwellsche Färbung wieder loswerden. Ihr seid Weltverbesserer, und das ist nicht ironisch gemeint. Die Zukunft hat mit Euch zu tun, und sie wird noch von Euch hören.

Und dazu beglückwünsche ich Euch – und uns.

Heinz Rudolf Kunze, September 2000

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