Heinz Rudolf Kunze live 2003

2003

"Das ist doch hier kein Rockkonzert"

Kai UlrichMein Name ist Kai Ulrich, ich bin Toningenieur und seit 1997 bei Heinz Rudolf Kunze. Ich bin der, bei dem immer alle Schlange stehen, um sich zu beschweren, daß man die Texte so schlecht verstehen kann. Manchmal habe ich mich schon gefragt, warum es überhaupt eine Band neben Heinz Rudolf Kunze gibt und auch noch so eine gute, wenn sie keiner hören will. Inzwischen haben wir durch etliche technische Verbesserungen das Problem der Sprachverständlichkeit ziemlich gut im Griff und jetzt stellt sich heraus, daß die Problematik eine andere ist.

Wenn man drei HRK-Fans fragt, wie es klingen soll, erhält man vier verschiedene Antworten. Da gibt es immer noch ein paar, die offenbar Kunze ausschließlich auf Zimmerlautstärke hören und dabei jedesmal aufmerksam die Texte mitlesen. Und wenn sie dann zum Konzert kommen, haben sie die Texte nicht dabei und es ist furchtbar laut. Und dann stehen sie doch wieder bei mir und wollen, daß es so klingt wie bei Ihnen im Sessel. Oder sie gehen mit grimmigen Gesichtern raus, aber nicht ohne dem "tauben Deppen am Mischpult" eine kurze Zusammenfassung ihres Höreindrucks zuzubrüllen. Allerdings gibt es neuerdings auch andere. Die kommen nach der Show und sagen: "Das hätte ruhig ein bißchen lauter gedurft!". Da hat die Erziehungsarbeit der letzten Jahre offenbar ein bißchen gefruchtet.

Das sind also die beiden Hauptfronten, die Rockfans und die Texteleser.

Aber wie kriege ich die unter einen Hut? Sehr einfach: gar nicht. Muß ich auch nicht. Kunze klingt, wie Kunze klingt. Gesunde Rock-Lautstärke mit möglichst guter Sprachverständlichkeit. Aber nicht auf Kosten der ganzen Restband.

In einer Halle in Magdeburg auf der Halt-Tour, in der man vielleicht einen Kirchenchor auftreten lassen kann, aber keine Rockband, kam ein aufgebrachter Journalist zu mir und brüllte mich an: "Sie ändern jetzt sofort den Mix! Das ist doch hier kein Rockkonzert. Wir wollen doch ihn hören." Ach – kein Rockkonzert? Wenn ich das vorher gewußt hätte! Und ihn konnte man durchaus hören. Nur konnte man ihn nicht verstehen, aber um das zu ändern, hätte man zunächst die Halle umbauen müssen. Das begreift nur kein Mensch. Oder sie wollen es nicht begreifen. Alle denken, mit so vielen Knöpfen müßte man doch jede Akustik bewältigen können. Pustekuchen. Physik ist Physik, auch mit Knöpfen.

Ein wichtiger Teil dieser Problematik spielt in den Bereich der Psychoakustik. Nie davon gehört? Dachte ich mir schon. Psychoakustik beschäftigt sich mit Dingen, die wir zu hören glauben, weil das Gehirn sie erzeugt.

Ein Beispiel: Wir hören in einem Konzert die Worte "Die Welt dreht sich um Dich – Glaub mir ich liebe ...". Verzeiht mir das kitschige Beispiel, aber jeder weiß: Der Text lautet "... ich liebe Dich". Selbst wenn der Rest des Satzes komplett in der Musik untergeht, glaubt der Zuhörer, er habe jedes Wort klar und deutlich verstanden.

Bei Texten von Heinz Rudolf Kunze entscheidet aber oft ein Wort oder gar eine einzige Silbe über die Bedeutung eines ganzen Satzes, oder anders gesagt: Jede Silbe, die untergeht, vermittelt den Eindruck, man könne die Texte nicht verstehen.

Und wenn ein Raum eine Nachhallzeit von drei Sekunden hat, dürfte Heinz also nur eine Silbe pro drei Sekunden singen. Dann dauert ein Konzert ungefähr zwei Tage, aber wenn's hilft ...

Heinz hat mir mal geraten, ich solle den Leuten sagen, sie mögen bei seinen Konzerten mehr an Bruce Springsteen denken und nicht so sehr an Franz Josef Degenhardt. Manche befolgen diesen Rat, andere verstehen gar nicht, was ich sagen will. Die gehen dann grummelnd wieder in ihre Ecke und versuchen weiterhin, so wenig Spaß wie möglich zu haben.

Man kann ein Kunze-Konzert auch genießen, wenn einem das eine oder andere Komma entgeht, ehrlich. In diesem Sinne: Wir sehen uns auf der Tour!

Kai Ulrich, Frühjahr 2003

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